Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Ergebnisse der zweiten Konferenz der palästinensischen Arbeiterschaft in Tel Awiw
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 245 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau: Arbeiterbewegung in Palästina 245 dort bereits erheblich geänderte Theorie ankommt und nichts auf den Willen, Sozialismus als mögliche Taktik zu betrachten. Mit der Konstruktion des ideologisch nicht vorhandenen arabischen Proletariats, dem man Aufrufe in jüdischer Sprache unterbreitet, geben sich Narren und Theoretiker Mühe. In Wirklichkeit ist diese Diskussion Zeitverschwendung, weil diesen Menschen der Wille zum jüdischen Palästina fehlt, weil sie an eine, für hier und heute, nebelhaft verworrene Theorie glauben, die keinerlei Grundlage hat. Man muß erst Bauernstand und Mittelstand, zumindest erst Kapitalismus haben, ehe man Revolution macht; aber kämpfe einer mit jüdischen Theoretikern, die aus undefinierbaren Gründen nach Palästina kommen; wirklich, die Debatte war Zeitverlust und wurde allgemein so empfunden. Es ist an dieser Stelle nicht nötig, die Antworten, die Berl Katzelnsohn, Tabenkin, Ben Gurion u. a. gaben, ausführlich zu wiederholen: zu wiederholen, daß es ohne Aufbau auch für die arbeitende Klasse keinen Halt im Lande gibt, daß bisher nur die Eigenarbeit in Daganiah und Nuris und nicht die „kapitalistische" Klasse in Petach Tikwah dem jüdischen Arbeiter Arbeit gegeben hat; daß, wenn in Tel Awiw heute nur jüdische Arbeiter arbeiten, dies nur dem Misrad zu verdanken ist und ohne Existenz des Misrad Tel Awiw heute auf den Wegen Petach Tikwahs ginge. Diejenigen, die nicht der Ansicht sind, daß die jüdische Arbeiterschaft in Palästina etwas zu suchen habe, sollen wegbleiben; kommt man hierher, so erfordert die primitivste Logik eine Motivierung dieser Tatsache, wenigstens den Anfang eines Nachdenkens darüber, welche Möglichkeiten es dem jüdischen Arbeiter gestattet haben, hierher zu kommen, und welche es ihm gestatten werden, hier als Arbeiter weiterhin leben zu können. In Wirklichkeit kommen natürlich diese Menschen aus ganz anderen Gründen nach Palästina, ohne, und das ist ihre innere Unehrlichkeit und Inkonsequenz, dies offen zugeben zu wollen. Ob das unbewußt geschieht oder aus bewußten, taktischen Gründen, bleibe dahingestellt. Es ist außerordentlich interessant, daß man die Präge der Notwendigkeit der Ajliah umging wie die Katze den berühmten heißen Brei; es wäre doch kompromittierlich gewesen, zuzugeben, daß man an der Frage der Alijah durchaus nicht interessiert ist! Neben diesem Punkt spielten die anderen Fragen in der Generaldebatte eine geringe Rolle. All das, was man über Untätigkeit des Waad hapoel, über die zu starke Zentralisation in der Arbeit des Misrad l'Awodoth Ziburioth, über die Mängel des Maschbir, der zur Hebung der Produktion verhältnismäßig wenig getan hat, u. a. m. zu sagen hatte, verklang ziemlich matt. Erstaunlich war, wie wenig sich Gruppen wie Gdud haawodah, die doch einmal ein starkes Programm hatten, durchzusetzen wußten, sei es aus Mangel an Menschen, sei es aus innerer Schwäche. Auch die linken Poale Zion taten nicht mehr: als auf ihrem Steckenpferd, dem Ausbau der Fachgruppen, herumzureiten, ohne daß irgendeine andere Zielrichtung bei ihnen zu spüren war. Einzelheiten forderten sie; letzten Grundes kamen sie zur Begehung des Weges der Histadruth. Durch die nach der Generaldebatte einsetzenden Spezialdebatten zog sich wie ein roter Faden der Gedanke der „Chewrath haowdim". Schon auf der landwirtschaftlichen Vorkonferenz stand dieser Gedanke Ben Gurions, über den an dieser Stelle schon Hugo Bergmann berichtet hat, im Mittelpunkt der Debatten. Die Ansichten über die Wichtigkeit des Beschlusses für die zukünftige Aufbauarbeit sind geteilt: während ein größerer Teil diesen Gedanken, bereits in seiner heutigen Form, für außerordentlich fruchtbar hält, spricht man ihm in anderen Kreisen jede Bedeutung ab. Das Grundprinzip der „Chewrath haowdim": die Zusammenfassung aller Güter, Kooperativen, Meschakim und sonstigen Schöpfungen der Histadruth zu einem juristischen Körper, dem nach außen die Vertretung sämtlicher Interessen obliegt (und nicht mehr den einzelnen, kleinen, schwachen Formationen) und nach innen die Herrschaft über die einzelnen Gebilde in organisatorischer und finanzieller Hinsicht (allerdings so, selbstverständlich, daß der einzelnen Gruppe die Verantwortung für Gewinn und Verlust bleibt): dieses Prinzip der Stärkung durch Zentralisation erscheint ebenso neu wie fruchtbar. Die Ausführung der Aufgaben der Chewrath haowdim in jedem Arbeitszweig, Landwirtschaft, Baugewerbe, Belieferung mit Produkten usw. bleibt den Tochtergesellschaften [Chewrath Hitjaschwuth (Siedelungsgesellschaft), Chewrath Binjan Wecharoschet (Bau und Industriegesellschaft) und Maschbir] überlassen, die ihrerseits Aktien