Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jüdische Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 235 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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t Jüdische Musik 235 sie bewegen sich im weiten Reich aller Tonleitern und nicht in einer bestimmten Tonart, die nur von ihrer harmonischen Basis aus zu begreifen ist. Erst die neuere Musik (vor allem Schönberg!) versucht, sich von der harmonischen Grundlage zu emanzipieren und innerhalb eines neuen Apparates so zu verfahren, wie wir es von antiken Musiken ahnen. Endlich wechseln auch die Rhythmen in auffälliger Weise. Die jüdischen Melodien bewegen sich bei aller rezitativischen Freiheit außerdem noch sprunghaft und sowohl dem jeweiligen Sinn folgend wie der inneren musikalischen Intention, so daß auch hierin ein Merkmal jüdischer Musik zu erblicken ist. Somit sind im ganzen sieben Charaktere jüdischer Musik aufgedeckt und gekennzeichnet, die ich in vier Hauptcharaktere und drei Nebencharaktere zerlegen möchte. Hauptcharaktere: 1. Der rezitative, 2. der melodisch-diatonische, 3. der anapästische, 4. der parallelistische. Nebencharaktere: 1. Der meditative, 2. der Mischcharakter der Tonarten, 3. der Wechselcharakter der Rhythmen. Mit diesen Charakteren ist nicht nur etwa Gelehrtes oder Abstraktes festgelegt, sondern das Wesen der jüdischen Musik und in Wahrheit der jüdischen Seele überhaupt, wie sie sich seit Jahrtausenden äußert und für absehbare Zeit äußern kann. Das Rezitativische entspricht dem ungebundenen Wesen der jüdischen Seele, das Melodisch-Diatonische ihrem ewigen stillen Singen und Summen, das Anapästische ihrem Suchen, Zielen und Bejahen, das Parallelistische ihrem Philosophieren, Fragen und Antworten, das Meditative ihrer Mystik — und der Wechsel in den Tonarten und Rhythmen ihrem unruhigen Umherschweifen in allen Welten. VIII. Nun noch einige Bemerkungen zum geistvollen Essay „Das Judentum in der abendländischen Musik" von Heinrich Berl.x) Es ist wahr, der Jude ist der „unplastische Mensch par excellence", — er ist es aber nur deshalb, weil er keine Heimat hat. Gebt ihm eine Stätte, und ihr werdet sehen, wie er schafft und gestaltet, baut und künstlerisch sich betätigt! Ihr werdet seine Monumente sehen, seine weltlich-künstlerische Musik hören, ja ihr werdet sogar seine Plastik schauen, seine neuen Theater erleben, weil sein ganzes Wesen sich verwandelt und erneut haben wird. *) Nr. 8 des Jahrg. VI dieser Zeitschrift.