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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Jüdische Musik
Date
1921-01-01
Page
236 (sequence 10)
Language
German
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236 Arno Nadel: Jüdische Musik Wer kennt des Juden Zukunft! Die Bibel ist nicht zuerst Lyrik, sie ist zuerst: Plastik und Epik* Wie hätte sich sonst die ganze europäische bildende Kunst an ihr entzünden können! Was Juden in der abendländischen Musik geschaffen haben, ist mehr oder weniger auch abendländisch > obgleich die von uns aufgezeigten Merkmale in ihrer Kunst eine große Rolle spielen. Sie sind Melodiker, sie sind Metaphysiker (meditative Schöpfer), sie sprengen die Grenzen der Tonalität, aber sie schreiben in überkommenen Formen und können nicht anders. Wo sie Neuerer sind, sind sie Experimentatoren, vielleicht im besten Falle Experimentatoren größten und wertvollsten Stils: wie Mahler. Aber Mahler ist nicht Experimentator in den Formen, er ist es im Geiste, in der Seele, wenn man will; Beethoven hat eine eigene Welt und eine Weltanschauung, Mahler hat sie nicht. Er schwebt zwischen Judentum und Christentum, er ist, weil er höchste Anlagen hat, eine tragische Figur. Ähnliche Naturen unter den andern Völkern haben noch mehr eigene Rundung und eigenen Stil als Mahler oder Meyerbeer. Das ist ein trauriges, sogar heikles Thema, aber dabei ist nicht zu verzagen. Wer kann vorausschauen, was die Juden in der Kunst noch leisten werden! Meyerbeer ist runder und eindeutiger als Mahler — von Musikern wie Schönberg, die als Sauerteig ihre Bedeutung haben mögen, sonst aber keine, ganz zu schweigen — weil er sich auf gefahrloserem Boden bewegt. Er schafft elegant und melodisch, wie ihm der verborgene orientalische Schnabel gewachsen ist und kann daher eine bedeutende Oper nach der anderen, ohne tragisch-schöpferische Konflikte, schreiben. Ähnlich geht es Öffenbach und in anderer Beziehung Bizet, der in seinen kleinen Formen das denkbar Plastischste zeitigt. Reproduktiv sind die Juden, weil sie eben in fremden Ländern auf eigenste Weise nicht produktiv sein können. Wer soll sie gänzlich hören, wer auf sie innerhalb des chaotischen Wirrwarrs der Religionen und Staatsformen lauschen! Was sie bisher den Völkern gegeben haben, haben sie nur als Kostprobe gespendet, ihr einziges großes Werk bleibt die Bibel. Und diese ist auf heimatlichem Boden gewachsen. Der Welt aber geht es im Moment wie den Juden. Sie äst unproduktiv, weil £,uch sie, die heutige Erdwirtschaft, keine Heimat hat. Es bereitet sich eine neue Zeit vor, wir sind mitten im Werden. Mit der neuen Welt wird auch ein neues Judentum mit neuer Produktivität entstehen.

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