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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 234

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Jüdische Musik
Date
1921-01-01
Page
234 (sequence 8)
Language
German
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234 Arno Nadel: Ausdruck für Musik erfordert, sondern auch an andern unzähligen Stellen, die sich, aus Gewohnheit, den rein musikalischen Parallelismus angeeignet haben. Auf noch einen andern wichtigen Charakter, den meditativen, brachte mich die groß angelegte kulturhistorische Studie „Der Chassidismus" von Ahron Marcus. Im Abschnitt „Der Chasan"1) führt Marcus ein Zitat des ältesten v Baal-Schem-Schülers, R. Jakpb Joseph von Pollenoj, aus dessen Werk „Tauldaus"2) an, in dem er den Ursprung der langen Nigunim feststellt. „Als Vorbeter war ursprünglich der Angesehenste der Gemeinde ausersehen. Es waren also Leute, welche die überlieferten tiefen Bedeutungen (Kawonaus) kannten. Deshalb führten sie Nigunim ein, welche ihnen Zeit ließen, bei jedem Worte die dazugehörigen Bedeutungen in Gedanken auszusprechen, auch für jeden Teil des Gebetes entsprechende Melodien aufzustellen". Auf diesen schönen Zweck sind Stücke zurückzuführen wie unser herrliches, schon genanntes „W'hakauhanim", dessen Kawonaus Lewandowski, weil sie die modernen Kantoren nicht ausführen können, der Orgel übertrug. Ebenso die verschiedenen chassidischen Nigunim mit den inbrünstigen Auslassungen auf den Silben „Bam-Bam"3). VII. Was die Tonarten anbetrifft, so haben sich in vielen überlieferten Melodien alte Tonarten rein erhalten. Der Versuch Joseph Singers in seiner Broschüre „Die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges (Steiger). Ihr Verhältnis zu den Kirchentonarten und den Tonarten der vorchristlichen Musikperiode" in der Weise des Jischtabach4)-Steigers — C, Des, E, F, G, As, I?, C — eine urjüdische Tonart zu entdecken, muß nach der Feststellung Idelsohns, daß eben diese Tonart dem arabischen Maqäm 5) „Hidschas" entspricht, der bei den Muselmanen als „Gebetsmaqam" gilt, und aus noch anderen Gründen, als verfehlt angesehen werden. Charakteristisch für unzählige Synagogenmelodien ist eher eine Mischung vieler Tonarten innerhalb eines und desselben Stückes. Wie schwer es selbst Singer fällt, die Steiger als Tonleiter zu erweisen, ersieht man aus dem auffällig gewaltsamen Charakter seiner Musterbeispiele. (Siehe in „W'hakauhanim" die Unmöglichkeit der verteidigten Note E auf der Silbe „roh" in „baasoroh"6).) Vielmehr zeigen, wie bereits erwähnt, die jüdischen Melodien ihren ursprünglichen und uralten Sinn für freies Sichergehn auch hierin, daß sie, wie offenbar die antike Musik überhaupt, sich innerhalb einer Tonleiter ganz anders bewegen als ein europäisches Stück, welches mit Harmonien rechnet. Alle Halbschlüsse, Schlüsse, Figuren und Läufe tragen einen selbständigen, ungebundenen Charakter; *) Hebr,: Vorbeter. 2) Hebr.: Geschlechterfolge, Geschichte. 3) Sinnleere Unterlagen für im Grunde wortloses Singen. 4) Hebr. „er sei gepriesen'f — aus dem Kaddischgebet. 5) Arab.: Melodie „Hidschas" Gegend Nordarabiens. 6) Hebr.: „in der Vorhalle..." (des Tempels).

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