Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jüdische Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 233 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Musik 233 sprechenden ersten Rezitativ in Haydns „Schöpfung". Wollte man den hebräischen Satz unter Haydns Rezitativ setzen, man würde bei jedem Intervall auf Schwierigkeiten stoßen. Aus den vielen trochäischen Schlüssen im Hebräischen ergeben sich ferner zählreiche punktierte Noten. Aber nicht nur der Rhythmus wird durch den hervorgehobenen anapästischen Charakter im Hebräischen bestimmt, sondern auch die Aufeinanderfolge der Intervalle. Die betonten Silben nämlich, die im Hebräischen, gewissermaßen infolge der vorangehenden vielen schwachen Silben, auf sich warten lassen, vollziehen gern einen Sprung in ein leicht zu treffendes höheres oder niedrigeres Intervall. In den letzten Jahrhunderten wird es oft die Quinte öder die Quarte sein, in ältester Zeit wieder andere Intervalle, vielleicht Quarten und Terzen. Überhaupt ist zu bedenken, daß der hebräische Sprachgesang noch dadurch charaktervoll und eigenartig wird, daß er tief sachlich und wesenhaft ist, was keineswegs bedeutet, daß er prosaisch ist. Geht doch die hebräische Ausdrucksweise weder vorn Prinzip des schönen Klanges aus, wie etwa die poetisch griechische, noch achtet sie des Reimes oder sonst welchen Gleichklanges, wie die romanischen und germanischen Sprachen. Vielmehr achtet sie nur auf den Sinn.. Deutlichste Treffkunst —das ist ihr besonderes Merkmal. Daher ist ihre Poesie völlig anderer Natur als die der übrigen Völker, und dementsprechend auch ihre Musik, die mit ihr, wie wir immer wieder betonen müssen, aufs Engste und Schönste zusammenhängt. Daher konnte bei der hebräischen Musik niemals von einer eigentlichen, nur künstlerischen Prägung die Rede sein. Hebräische Musik — das ist hebräisch-religiöser Lobgesang, das ist Inspiration, Extase, geistige Entladung, innerlichste Ethik, Prophetie, Heiligung und Heilung, — nur nicht Kunst im gewöhnlichen Sinne.1) VI. Will man aus" einem reih künstlerischen Elemente, nämlich aus den Erzeugnissen der gehobenen Rede, einen gültigen Schluß auf einen stattlichen und maßgebenden Teil der jüdischen Musik ziehen, so muß man sich auch eingehend mit dem Parällelismus der Hebräer befassen. Reißmann hat dies in seiner Musikgeschichte bereits erkannt und widmet diesem Problem einige interessante Betrachtungen. Es ist selbstverständlich, daß die Melodie dem Parallelismus, wo er sich zeigt, folgen wird, und so können wir denn aüch einem musikalischen Parallelismus in der jüdischen Musik vielfach begegnen, und dies nicht nur bei der Thoravorlesung, wenn die eigentlichen großen „Lieder" vorgetragen werden, sondern auch in allen Psalmen, S'lichaüs2), Jauzraus8) und in vielen andern Liturgien. Aber nicht nur da, wo der Parallelismus der Sprache offensichtlich einen entsprechenden x) Siehe die feinen Ausführungen bei Hermann Albert: ,,Die Musikanschauüng des Mittelalters und ihre Grundlage"; auch die Einleitung in Hugo Greßmanns „Musik und Musikinstrumente im alten Testament/6 2) Hebr.: „Bußgesänge" für Fast- und Sühntage. 3) Schöpfungsgesänge", die für die einzelnen Feste und besonders hervorgehobene Sabbate bestimmt sind.