Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jüdische Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 232 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Arno Nadel: gehen von Leopold Haupt1), der ebenfalls, wie aus dem Titel ersichtlich, von den Akzenten ausgeht, in denen er Intervalle erblickt* ist besonders ein Mann zu nennen, Leopold A. F. Arends, der Erfinder der bekannten, seinen Namen. tragenden Stenographie * der zwar einen nicht minder sonderbaren Versuch unternimmt, die hebräischen Buchstaben — auch die Konsonanten! — als Noten *zu erweisen, der aber, wenn wir von seinem unhaltbaren eigentlichen Unternehmen absehen, soviel Ausgezeichnetes über den Sprachgesang der Alten im allgemeinen und über den der Hebräer im besonderen sagt, daß wir seine höchst geistvolle Schrift jedem, der sich mit unserer Materie befaßt, nicht warm genug empfehlen können. Wir müssen uns vorerst nur mit diesem Hinweis begnügen und einiges vorbringen, was mit den Arendsschen Gedanken im weitesten wie im engsten Sinne zusammenhängt Jede Sprache hat ihr eigenstes Geheimnis, ihtfe eigene Weltanschauung. Wodurch gibt sich diese tiefe Urwelt in Äußerungen kund? In rhythmischen Gliederungen und in einer mit diesen zusammenhängenden Tonfolge oder Modulation. Sowohl die rhythmischen Gliederungen wie die Tonfolgen innerhalb eines Satzes richten sich nach dem Sinn. Diesem folgt der Akzent. (Akzent im gewöhnlichen Sinne.) In der hebräischen Sprache, die in ihren Wortbildungen mit Präfixen, Suffixen, mit Vokalveränderungen und Verkürzungen, mit verkürztem Artikel, beweglichem Sch'wa2), starkem Daggesch3) und mit dem Bindestrich operiert und die deshalb, und aus vielen andern Gründen, die Wörter meistens auf der letzten Silbe betont, zeigt sich vorzugsweise anapästischer Charakter. „Die normalste Form des hebräischen Versfußes ist dreisilbiges XX — bezw. dessen Auflösung X xT X," heißt eä bei Sievers in seinen „Studien zur hebräischen Metrik", die alles Einschlägige weitgehend untersuchen, auch Wichtiges über den Zusammenhang zwischen Gesang und Sprech Vortrag bringen 4). Oft begegnen wir sogar einem Tribakchys (u u u —: w'sseroeh^oder gar vier aufeinanderfolgenden leichtenSilben (urjischmoel)6), trotz des an sich langen Vokales am Anfange). Wie unmöglich ist ein ähnlich betonter Satz wie „Und Haus, Hof, Stall brennt nieder" im Hebräischen! Dieser anapästische Charakter — man denke z. B. an Sätze wie „Waj'chulu haschomajim w'hoorez w'chol z'woom, waj'chal felauhim bajaüm hasch'wii m'lachtau ascher ossöh"7) usw. kommt natürlich in der jüdischen Musik auffällig zur Geltung. Vergleichen wir beispielsweise die N'ginoth des ersten Satzes der Bibel in der polnischen Akzentuierung mit dem ent- 1) Sechs alttestam. Psalm, mit ihren aus den Akzenten entzifferten Singweisen, Leipzig 1854. 2) Hebr. Lautzeichen* etwa im Werte eines halben hi 3) Hebr. Lautzeichen, das, als Punkt in Konsonanten, deren Lautwert verhärtet (z. B. w zu b wandelt) oder verdoppelt. 4) „Abh. d. philol.-hist. Klasse der königl. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften'* 21. Bd. 1903. §§ 61—69 e) Hbr»: ,,und h möge Erscheinen..aus der Liturgie des Vorabends desVersöhmingstages. 6) Hebr. „und dem Ismael". 7) Hebr. „Und vollendet wären der Himmel und die Erde und ihr ganzes Heer, und es vollendete Gott am siebenten Tage sein Werk, das er getan". 1. B. M. Kap. 2, Vers I u. 2 a, Bestandteile des „Kiddusch" am Freitag abend.