Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jüdische Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 231 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Musik schönen Synagogengesanges durch die Einführung der Piutim1) kommen die schlimmen Folgen des fremdartigen Koloraturgesanges hinzu: diese Einsicht macht den Weg zur Erkenntnis echter jüdischer Tonkunst immer lichter und alle Arbeit auf diesem Gebiete vielversprechender. Natürlich müßte man die jüdischen Melodien auf die verschiedenen Arten ihres rezitativischen Charakters hin genauer ansehen und in Gruppen einteilen, in solche etwa, die mehr dem katholischen Akzentus — im Gegensatz zum Konzentus, der Weise des Chores und der Solosänger — entsprechen und die einen mehr psalmodierenden, eintönigen oder sehr eng begrenzten Charakter haben wie vor allem die orientalischen (jeminitischen) jüdischen Weisen, und in solche, die einen eigentlichen Melodie-Charakter haben, wie die meisten polnischen, deutschen und auch viele sephardischen Weisen. Die melodischen Rezitative müßte man sodann in gebundenere, wie etwa das ,,Feierliche Borchu" vofi Scholausch R'golim2), und in freie, zu denen all diejenigen Weisen zu zählen sein werden, welche den N'ginoth folgen, und andere mehr. Nun kann man fragen: worin äußert sich der besondere Charakter der jüdischen Synagogenmusik? Rezitativisch sind auch andere orientalische religiöse Melodien, melodisch-diatonisch wohl auch. Darauf läßt sich erwidern: Keine andere orientalische Musik hat alle europäischen Wandlungen mitgemacht wie die jüdische Synagogenmusik. In ihr finden wir herrliche Stücke in reinen alten Tonarten, die einen Umfang und eine Bewegungsfreiheit haben, wie wir sie nirgends sonst in orientalisch-religiösen Melodien finden. Man muß immer daran denken, daß wir es mit religiöser Musik und nicht mit Volksmusik zu tun haben, man daher zum Vergleiche weder arabische noch andere Volkslieder heranziehen darf. Aber, wenn man auch dieses täte, würde es sich zeigen, daß die schönsten uns erhaltenen synagogalen Stücke selbst jeden künstlerischen Vergleich aushalten. Ferner finden wir in der synagogalen Musik Gesänge in Dur und Moll, also in den neusten und letzten bevorzugten europäischen Tonarten: „Kol nidre" z. B., ein Stück, das Weltberühmtheit erlangt hat und das dennochden alten jüdischen, mit keinem andern vergleichbaren Charakter trägt. In ihr finden wir sogar Barockmelodien kompliziertester Natur, die alle jenes alte urjüdische Wesen in sich bergen, wie sie eben nur diese Musik aufzuweisen hat V. Nur nach dieser Voraussetzung erhebt sich noch einmal und dringlicher die Frage: was ist es denn, was diesen besonderen Charakter ausmacht? Was ist es, das nur und nur jüdisch ist? Um darauf zu antworten, müssen wir etwas näher auf den Sprachgesang der Hebräer eingehen. Nach Konrad Gottlob Anton (1745—1814), der in den jüdischen Akzenten Zeichen für Dreiklänge erkennt — nach unseren obigen Ausführungen ein lediglich kurioser, übrigens auch sonst schon widerlegter Einfall — und nach dem ernsteren Vorx) Synagogale Dichtungen, die erst im Mittelalter entstanden sind. a) Borchu: hehr, „segnet", der Beginn des eigentlichen Morgen- und Abendgebets. Scholausch regolim die drei Wallfahrtsfeste: Pesach, Schewuauth, Sukkauth.