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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 230

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Jüdische Musik
Date
1921-01-01
Page
230 (sequence 4)
Language
German
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230 ArnoNadel: ~-9-■--:- zu sprechen kommt, meint dann, obwohl er sich der mutigen Hypothese zweifelnd gegenüberstellt: „Die einfache Zweistimmigkeit, ursprünglich auf die enge Grundlage der acht ersten Naturtöne der Luren beschränkt, könnte man sich dann ferner durch die Zusammenstellung mehrerer, in verschiedenen Tönen gestimmter, gleichzeitig geblasener Luren erweitert denken. Auffallend ist es, daß man bei dem großen Lurfund (Torfmoor Brudervälte bei Fredericsborg) zwei in C und vier in Es gestimmte Luren nebeneinander gefunden hat. Dies kann ein Zufall sein, kann aber auch etwas wesentliches in der angegebenen Richtung bedeuten."1) An dieser Stelle bleibe ferner die Tatsache nicht unerwähnt, daß der sogenannte Faux bourdon mit seiner Terz- und Sextbegleitung, welche Art bis auf unseren Tag die Hauptharmonien darstellt, zuerst in England auftritt. Diese wichtigen Feststellungen lehren uns, daß es einen ausgesprochen orientalischen und einen völlig anderen okzidentalen Musikcharakter gibt; Denn auch die Melodien, welchen ein harmonischer Charakter zugrunde liegt, sind völlig anderer, auch in sich mehr getesteter, harmonien-verwandter Natur als die, welche nur Mejdolie zum Ziel haben. Dieser Schluß hat mehr für das Wesen hebräischer Musik zur Folge, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Man sehe sich in Sulzers „Allgemeiner Theorie der schönen Künste" die fünfzehn Eigenschaften eines vollkommenen Rezitativs näher an, und man wird staunen, wie alles auf hebräischen Gesang mit Nutzen anzuwenden ist. Wie wichtig ist z. B. die Feststellung des -zweiten Merkmals, die besagt, daß das Rezitativ keinen Hauptton und keine „regelmäßige Modulation ordentlicher Tonstücke besitzt, noch muß es wie diese wieder im Hauptton schließen". Wie verstehen wir daraufhin die so oft vorkommenden Misch -Tonarten in Synagogengesähgen und die vielen Misch-Steiger! Wie begreifen wir ferner, daß eben infolge des rezitativischen Charakters sich ältere Tonarten in hebräischer Musik ziemlich rein erhalten haben! Als das dritte Merkmal bezeichnet das genannte Werk: den Mangel an melismatischen Verzierungen. Auch dieses belehrt uns über wichtige Dinge. Der alten und eigentlich jüdischen Musik sind alle barockartigen Ausschmückungen fremd. Was sich im Chasonus2) — wahrscheinlich aus dem 17. und 18 Jahr hundert, den Blütezeiten der Koloratur- und Bravour-Arien — erhalten und was sich auf dem Boden solcher Zier-Kunst besonders in Polen fortgepflanzt hat, das ist tatsächlich als minderwertig und zu allermeist als unjüdisch zu bezeichnen; wenngleich sich unter solchen Weisen als wertvollstes Stück dieser Art auch das „W'hakauhanim3" ) einreihen läßt. Alles in allem sind Koloratur- Psalmodien und Rezitative im jüdischen religiösen Gesänge als Unarten und als verwerfliche Produkte zu bezeichnen. Zur Schädigung des reinen, 1) „Studien über die altnordischen Luren im Nationalmuseum in Kopenhagen" in der „Vierteljahrsschrift für Musikwissenschaft", 10. Jahrg. 2) Hebr.: Vorbeter-Brauch. 3) Hebr.: „und die Priester . . Beginn eines Hauptgebetes am Versöhnungstage, das die Opferweihe im Tempel von Jerusalem schildert.

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