Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jüdische Musik
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 229 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101194-3107914--5990-3107968- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdische Musik 229 im Josephus über jüdische Musik steht, nützt uns etwas, wenn wir nicht endlich den vorhandenen guten Bestand an synagogalen Weisen unserer Untersuchung zugrundelegen. IV. Als erstes Merkmal jüdischer Gesänge möchte ich ihren rezitätivischen Charakter bezeichnen. Dieser entspricht dem Wesen des Orientalen. Der bannt nichts in feste Formen, wenn er vor Gott steht, wenn sein Wesen konventionslos und frei wird, wenn er sich in Demut, ohne Weltbund Festigkeit, vor der hohen. Sphäre der Allmacht beugt. Er singt lose und halb schon in einem anderen Raum, wie eben nur der Asiat und nicht der Europäer, sein verschollener Abkömmling. Dieser rezitativische Charakter drückt sich wiederum in einer mehr diatonisch-melodiösen als harmonischen Form aus. Der diatonische Charakter nämlich steht in einem gewissen Gegensatz zum harmonischen. Harmonie — das ist der Zusammenklang von vielen Dingen, ihr schönes Zusammenhalten, ihr Frieden bei allem Gegensätzlichen, ihr Streiten und Hassen, Schreien und Rauschen — in ästhetischen Grenzen, eben ihre Harmonie. Melodie aber ist die eine einzige Weise der Welt, ihre Lust und Trauer, schon eher ihr Wesen. Überhaupt ist erst Melodie etwas Göttliches und Wesenhaftes, während Harmonie viel organischer und materieller ist, auch künstlerischer, wenn man Kunst, wie es bei uns geschieht, von Religion abrückt. Und die wesenhafte und echte Melodie ist auch diatonisch und nicht in Sprung-Intervalle gewissermaßen zerlegt und zerbrochen. All dies hängt eng mit "dem ursprünglichen Rassencharakter der Juden zusammen. Daher die Verwandtschaft echter jüdischer Melodien mit solchen der Araber, Ägypter, Inder usw. Stellt doch kein Geringerer als Fetis an vielen Stellen seiner „Histoire g6n6rale de la musique" die Behauptung auf, daß die Skandinavier die Kunst der Harmonisierung erfunden hätten. Angul Hammerich, dem ich diesen Hinweis verdanke, stellt die Argumente F6tis folgendermaßen zusammen: ,,Bekanntlich ist die Mehrstimmigkeit von der antiken Kultur kaum benutzt worden. Sie entwickelt sich erst im späteren Mittelalter durch viele Ausbildungsphaseri. F6tis stützt seine Annahme darauf, daß diese Entwicklung gleichzeitig mit den Zügen der nordischen Wikinger nach dem Süden anfing, ferner auf die eigentümliche Melodieform der nordischen Volkslieder, welche ihrer ganzen Natur zufolge und im Gegensatz gegen die Melodien der südlichen Völker eine harmonische Unterlage erfordert. Weiter führt er die nordische vielsaitige Harfe an, welche nach seiner Meinung zur harmonischen Begleitung des Sanges benutzt worden ist, endlich eine Aussage des mittelalterlichen englischen Chronikenschreibers Geraldus Cambrensis (um 1180), der als eine Merkwürdigkeit erzählt, daß die nördlich vom Humber vorhandenen Engländer zweistimmig singen, welches, fügt er hinzu, sie von den Dänen und Norwegern gelernt haben." Hammerich selbst, der durch die Tatsache, daß die nordischen Luren (altnordische Blasinstrumente aus d£r Bronzezeit) paarweise gefunden und gebraucht worden sind, auf die F6tissche Theorie