Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 225 (sequence 12)
- Language
- German
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Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung 225 fremd. Auch das Kind rnuß fühlen, wie die Mutter sich über es ängstigt, wenn es krank ist, wie sie seine Schmerzen nachfühlt, wenn es sich verletzt hat oder gar sich einem kleinen Eingriff unterziehen muß; ihre schlaflosen Nächte bleiben ihm nicht verborgen; denn gerade darin genießt die Sentimentale ihre Mütterlichkeit mehr als in der Kindesnähe ihres Alltags, und in Verkennung des kindlichen Seelenlebens gründet sie gerade auf diese mütterlichen Leiden um das Kind einen Anspruch auf dessen besondere Dankbarkeit. Andererseits wird aus dem schlicht vernünftigen Verhalten des Kindes in solchen Lagen, ja selbst aus dem noch nicht einmal vernünftigen Verhalten eine Heldentat gemacht, von der man noch lange spricht, und die kleinen Krankheiten werden so der Anlaß, daß das Kind sich interessant wird. Mit der verblüffenden Treffsicherheit des Instinktes erkennt das Kind auch, daß ihm damit eine Waffe in die Hand gegeben wurde. Es lernt sich krank zu stellen, Beschwerden' zu übertreiben, unbeherrscht zu weinen, zu schreien, die Angehörigen in Angst, Sorge und vor allem in Ratlosigkeit zu versetzen. Nun kennt sich niemand mehr in diesem Durcheinander von Echtem und Unechtem, Tatsächlichem und Vorgetäuschtem aus; das Ergebnis ist die Beherrschung der Eltern durch das Kind. Zur sachlichen Beobachtung und Beurteilung fehlt die Ruhe und Objektivität, zum Eingreifen die Sicherheit und Festigkeit, zur klaren ruhigen Beeinflussung und Führung der Abstand. Und nun muß jemand kommen, sei es in einzelnen Fällen der Lehrer, sei es der Arzt oder ' eine andere ferner stehende Persönlichkeit, deren ungetrübter Sinn, deren Sachkenntnis und Abstand das Durcheinander entwirrt. Denn der Sentimentale bedarf in solcher Lage der fremden Autorität, die ihn von seinem Gefühlsdruck befreit, der Rationalistische des Sachverständigen, der die Verantwortung übernimmt. Diese Tendenz zur Befreiung von Verantwortung und Gefühlsdruck setzt sich durch, und zwar nicht nur in Krankheitsfällen; sie ruht nicht eher und kann nicht eher ruhen, als bis derjenige Helfer gefunden ist, der das mit oder ohne Grund beunruhigte Gewissen wieder zur Ruhe bringt. Denn darum gerade dreht es sich: in Gewissensangelegenheiten ist der sentimentale Rationalist hilflos. Ein un* bestimmtes Ahnen, daß seine eigene Art ihn in solche mißlichen erzieherischen Lagen bringt, zieht durch sein Gemüt, und er darf froh sein, wenn die Dinge so weit geklärt sind, daß er wieder fest auf seinem Platze steht. Auch in diesen Formen geistiger Bewegtheit liegen schwere erzieherische gefahren, namentlich die Gefahr, daß dem Kinde die Scheu vor menschlicher Verantwortung, vor dem klaren, geraden und vorbehaltlosen"Sichemsetzen anerzogen wird. Der aus sentimental-rationalistischer Selbstgefälligkeit hervorgehende ^augel an erzieherischem Feingefühl verkennt auch dieWirkung des Rühmens er Vorzüge des Kindes in dessen Gegenwart oder ihm ins Gesicht. Daß ^°se und Koketterie, d. h. das Hinblicken auf den Eindruck, den es macht, und Gefallsucht, somit der. Ruin der Naivität sich selbst gegenüber, die *<%en davon sind, daß das Kind zu oft sein Lob und das Lob seiner Nied- Heft 4. 15