Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 224 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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224 August Homburger : es sie, es sei denn, daß es in sich selbst einen Grund zur Unruhe hätte. Ist es aber von Unruhe, Hast, Lautheit umgeben, so wirken diese Eindrücke als Nervenreize, indem sie die natürliche Ruhe und das natürliche Behagen stören, indem sie die innere Sammlung des Kindes hindern, und, es wird dermaßen an den Wechsel der Eindrücke und an Bewegtheit um es herum gewöhnt, daß es ein Bedürfnis danach empfindet, ungeduldig wird und nun seinerseits die Umgebung in Betrieb setzt. Dann kommt allerdings die Mutter zu dem Urteil, daß das Kind „enorme Ansprüche" stelle und sie „schrecklich nervös*' mache. Auch das Unmaß des Gesichtsausdrucks / bei Gemütsbewegungen, das Übermaß der Gesten und ihre Unbeherrschtheit im einzelnen geht auf das Kind über und wird ihm zur Gewohnheit, die schwer wieder zu beseitigen ist. Es sieht, wie die Mutter, die ihm dauernd nah ist, klagt, sich wortreich in Gefühlsausbrüchen ergießt, dieselben Dinge ungezählte Male immer eindringlicher werdend wiederholt, wie sie schließlich ihren Zweck erreicht und ihrer Befriedigung darüber hemmungslos Ausdruck gibt; es kennt auch den überschwänglichen Ausdruck der Freude seiner Eltern, und wenn es ein überlegener Zuschauer wäre, würde es gar oft mit Fr. Th. Vischer sagen: „aufgeregt und unbedeutend". Dasselbe Kind hört aber auch den Vater von seinen beruflichen Erlebnissen, und zwar mit selbstbewußter Trockenheit, erzählen oder von seinen Erfolgen mit allerlei Einzelheiten selbstgefälliger Überlegenheit berichten, unter Umständen mit verächtlicher Kennzeichnung anderer; mit den Mienen und vor allem den Ausdrücken der Geringschätzung. Dann kommt etwa der Stolz der Mutter auf den Vater in übertriebener Weise zum Ausdruck, indem nicht immer gerade das ethisch Wertvollste hervorgehoben wird. Es fallen Bemerkungen des Sinnes, daß das Kind auch einmal so werden möge u. dergl. mehr. Das Wesentliche an alledem ist der sentimental-rationalistische Mangel an erziehlicher Zurückhaltung und an Verantwortungsgefühl für das Seelenleben des Kindes. Dieses erweist sich nämlich nicht in überängstlicher Behütung vor einem kleinen Schreck, einem flüchtigen unliebsamen Anblick, einem angebrachten Zwang zur Überwindung oder der Berührung durch einen Hauch geistiger Zugluft, sondern in der besonnenen und wachsamen, in Selbsterziehung begründeten-Fernhaltung des geistig Minderwertigen und seelisch Unechten und alles dessen, was für Augen und Ohren des Kindes seinem Wesen nach nicht bestimmt ist. Sonst entstehen die unumgänglichen Folgen der urteilslosen kindlichen Verarbeitung des ihm derart sich Bietenden, ein vorlautes und altkluges, dazu ein überempfindliches Wesen. Die Eltern finden das oft drollig, lachen noch darüber, „spotten ihrer selbst und wissen nicht wie". Der Rationalist geht auf die Ziele seines Handelns los, der Sentimentale auf das Seelenleben seines Nächsten mit Hilfe seines eigenen Seelenlebens; Abstandsgefühl ist beiden Richtungen fremd, und dadurch ist ihnen auch das Abstandsgefühl gegenüber der Jugend und dem Kinde