Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 226 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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226 August Homburg,er: Über Rationalismus und Sentimentalität lichkeit und Klugheit hört, dafür fehlt die Einsicht. Man kann aus Berechnung, also rationalistisch, man kann aus dem Bedürfnis, am Mutterstolz der anderen Frau teilzunehmen oder ihr das eigene Mitfühlen mit ihrem Glück zu offenbaren und beides zu genießen, also sentimental, zum Schmeichler werden, man kann es natürlich auch aus Gedankenlosigkeit und aus Konvention. Ich will dies nicht näher ausführen, denn es galt nur, an typischen Beispielen zu zeigen, wie die Unklarheit über die eigenen Gefühle und über ihre Bedeutung als Beweggründe des Handelns und Verhaltens tief in der rationalistisch-sentimentalen Kombination begründet liegt. Sie wirkt auf den heranwachsenden Menschen keineswegs in dem Sinne, daß er sich zu einer Rechenschaft über seine Motive bewogen fühlte. Dadurch geht für ihn neben dem so bedeutsamen Antrieb zur wahrhaftigen Auseinandersetzung mit sich selbst zugleich der heilsame und den berechtigten Stolz des jungen Menschen begründende Ekel vor dem Suchen nach Ausflüchten verloren. An seine Stelle tritt im Kampf zwischen Gewissen und schwächlichem Selbstschutz fruchtlose, oft spitzfindige Grübelei über die Möglichkeit einer Rechtfertigung vor sich selbst und vor anderen, die höchst selten mit den gleichen Gründen erreichbar ist. So reißt die sentimental-rationalistische Sphäre den heranwachsenden Menschen in immer neue Konflikte, die viel von seiner Kraft verzehren, die ihn in Liebe und Haß, in Beruf und Neigung, im Fühlen und Handeln und im Denken unklar werden lassen. Hier rücksichtslos, dort weich, hier nüchtern, dort begeistert, hier zaghaft, dort massiv, hier prüde, dort unzart, hier eingebildet, dort klein, wird er aus sich selbst nicht klug, und eine ewige, im Grunde für seine Persönlichkeitsentwicklung fruchtlose innere Bewegtheit täuscht ihm wahren Reichtum des Seelenlebens vor. Hier liegt das Verhängnis seiner selbst wie seiner Vorfahren und Nachkommen, wenn nicht rückhaltlose Erkenntnis der Zusammenhänge ihn leitet und ihm zu einer kritischen Bewertung dessen verhilft, was, sei es an rassenhafter, sei es an persönlicher Neigung einer straffen Zucht geopfert werden muß. Diese Zucht zu üben, bewußt über die Entwicklung der eigenen Lebensanschauungen und seelischen Werte zu wachen, gehört zu den besonderen Problemen' jeder Jugend und vor allem vielleicht der jüdischen, die von Strömungen im eigenen Innern bewegt, von äußeren Einflüssen extremer Art getroffen, für sich selbst verantwortlich sein will.