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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 223

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
Date
1921-01-01
Page
223 (sequence 10)
Language
German
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Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung 223 sentimental, mit Unechtem durchsetzt und übertrieben ist. Deshalb befriedigen ruhige, schlichte, warme aber unauffällige Teilnahme, bescheidene, gemessene, freundliche Worte, stille, kaum merkliche Rücksicht, vornehm selbstbewußte Achtung und Ehrerbietung nicht mehr; sie machen keinen Eindruck oder den der Mattheit, des Ungenügenden, das die gestellten Ansprüche nicht zu befriedigen vermag. Daraus ergeben sich, was näher auszuführen allzusehr ins Breite ginge, ungezählte Konflikte zwischen den Gliedern einer Familie, zwischen dem Alter und der Jugend, Eltern und Kindern, die eine reiche Quelle falscher Rücksichten, falscher Maßstäbe und besonders zur Gewohnheit werdender Unaufrichtigkeiten und Übertriebenheiten sind. So ist das psychologische Milieu in der sentimental-rationalistischen Lebensgemeinschaft da beschaffen, wo beide Komponenten zu scharfer äußerster Ausprägung gediehen sind. Es wirkt dann karikaturenhaft, denn die Umrisse und Formen der seelischen Persönlichkeiten erscheinen verzeichnet. Wie weit hat sich das doch alles entfernt von der echten verwandtschaftlichen Treue, von Aufrichtigkeit und von Vertrauen, das Wahrheit sucht und verträgt, aber auch von jener echten Rücksicht und Opferbereitschaft innerhalb der Familie, die aus einer sittlichen Überzeugung erwächst, und die ein Geschlecht dem anderen ehrfurchtsvoll überliefert. Alle diese hier sachlich psychologisch analysierten Beziehungen könnten in das Gebiet einer spekulativen Liebhaberei verwiesen werden, wenn sie nicht ihre sehr ernste praktische Bedeutung hätten. Alles, was ich hier darstellte, beruht auf wirklicher Erfahrung, auf objektiven Tatsachen. Die Lebenserfahrenen könnten ja auch alle diese Dinge mit sich selber ausmachen. Aber erstens können es gerade diejenigen am wenigsten, die es am meisten angeht, und zweitens tun sie es nicht, selbst da, wo sie es könnten. Denn die sentimentale Komponente ihres Wesens reißt sie in den Uberschwang und die Unbeherrschtheit immer wieder hinein und ihre Selbstbespiegelungstendenz läßt sie von sich selbst nicht loskommen. Sie wissen, oder sie ahnen es doch wenigstens, daß die so vorbereiteten, dann S1ch häufenden und nicht zu normalem Ausgleich gelangenden künstlichen Gemütsbewegungen die Ursache krankhafter nervöser Zustände werden können. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein. Wohl aber haben wir jetzt die Aufgabe, ganz konsequent darzulegen, wie eine rationalistisch-sentimentale Artung der Eltern auf die Entwicklung der Jugend wirkt. Um dieser Wirkung willen, um sie und ihre Bedeutung von Grund aus zu verstehen, haben wir ja diese ganze Untersuchung vorgenommen. Dafür fallen uns aber jetzt die klaren Zusammenhänge als reife Früchte zu. Ein Kind nimmt an, was es vor sich sieht; es ahmt nach, es übernimmt das ihm dauernd Gegenwärtige als etwas Selbstverständ- 1 i c h e s; es greift das gelegentlich ihm sich Bietende nach Maßgabe seiner Eindringlichkeit und Eindrucksfülle auf. Das geschieht von den frühesten Anfängen an. Ist das Kind von Ruhe umgeben, so bewahrt

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