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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 222

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
Date
1921-01-01
Page
222 (sequence 9)
Language
German
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222 August Homburger: beherrschten, im Grunde nüchternen, im Wesen unechten Enthusiasmus, wie es ein nüchternes, unechtes Rechtsgefühl gibt. Auf diesen volltönenden Instrumenten spielt der Rationalist mit Vorliebe und Meisterschaft. Aber er entblößt sich dabei nicht und vergibt sich nichts. In der sentimentalen Szene hingegen entblößt sich der Mensch; in der Unbeherrschtheit und Übertriebenheit prostituiert er sein Gefühlsleben und gibt um eines augenblicklichen Eindrucks willen Würde und Ansehen preis. Er tut es in dem Maße, daß er echtes und unechtes, natürliches und übersteigertes Fühlen selbst nicht mehr auseinander zu halten vermag, und daß der Ausdruck wirklicher und gespielter Gemütsbewegungen nur noch ihrem höchsten .Grad entspricht. Das zeigt sich in besonderer Ausprägung namentlich bei solchen Anlässen, welche in die anläge- und überlieferungsgemäß am meisten gepflegten und am leichtesten verletzten Gefühlsbereiche fallen, welche also das jüdische Familienleben und Zusammengehörigkeitsgefühl betreffen. Verläuft ein an sich einfacher Krankheitsfall nicht ganz so glatt, wie er in ähnlichen Fällen verlaufen ist, so wird aus der verständlichen Ungeduld und dem Bedauern oft bereits Besorgnis und übertrieben zärtliches Mitgefühl; ist Besorgnis begründet, so steigert sie sich leicht zu verzweifeltem Gebaren; begründete Angst wird zur Fassungslosigkeit, leichte Verstimmung zu schwerer Niedergeschlagenheit, schlichte Freude, z. B. über ein gutes Schulzeugnis des Kindes, zu großer Lobeserhebung, ein erfreulicher Erfolg zum Ereignis; eine ordentliche, gediegene wissenschaftliche Arbeit wird zu genialer Bedeutung erhöht. Kommt in ganz normalem Geburtsverlaufe ein hoffnungsvoller Nachkomme zur Welt, so empfängt der harrende Vater die Nachricht nicht nur mit dem Aufatmen der Erleichterung und den Tränen verklärter Freude, sondern er erträgt die Freude kaum, er ist aufs tiefste erschüttert. . Ganz besonders wichtig in der praktisch-ethischen Auswirkung ist "das Gebiet der Rücksicht. Sie ist, wie Storm in dem prächtigen Gedicht für seine Söhne sagt, „Blüte edelsten Gemütes". Sie hört aber unter zwei Umständen auf, dies zu sein. Erstens, wenn sie so nachdrücklich geübt wird, daß der mit ihr Beglückte sie merken muß, und zweitens, wenn ihre Äußerungen sich dermaßen häufen, daß der davon Betroffene sich ihrer kaum zu erwehren vermag. Der sentimentale Rationalist will aber, daß der Onkel, die Tante, der Großvater, die Schwägerin und der Freund die Tiefe seiner verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Gefühle genau kennen. Er findet nicht nur Befriedigung darin, er bucht sie auch und wünscht sich später darauf berufen zu können. Auch dafür hat sich der Ausdruck Familiensinn eingebürgert. In einer sentimental-rationalistischen Lebensgemeinschaft werden solche unechten und übertriebenen Gefühlsäußerungen nicht nur hervorgebracht und dargeboten, nein, sie werden unter Umständen erwartet und gefordert. Da aber alle in diese Lebenssphäre verstrickt sind, sind sie sich längst nicht mehr klar darüber, daß das, was sie geben und nehmen, rationalistisch,

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