Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 221 (sequence 8)
- Language
- German
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Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung 221 Vorgeschichte des Gegners ein. Der beabsichtigte Eindruck ist erreicht, und die so wohltuende Erschöpfung mit obligatem Mitleid beschließt die sentimental-rationalistische Szene. Auf der Gegenseite spielt sich dann ein ähnliches Handeln und Erleben ab. Wer hat nicht dergleichen mitgemacht? Das psychologisch Interessante ist das plötzliche Überspringen vom Sächlich-Geschäftlichen aufs Persönlich-Gefühlsmäßige. Was hat in aller Welt die Lungenentzünr dung, das kranke Kind, der notleidende Verwandte mit der beruflichen Meinungsverschiedenheit zu tun? Gerade das müssen wir verstehen lernen. Da hilft uns vielleicht ein höchst charakteristischer Ausspruch eines rationalistisch und sentimental zugleich veranlagten Mannes, der einmal zu mir sagte: „Ich muß doch selbst am besten wissen, was mein Ich in jedem Augenblick am notwendigsten braucht." In diesem einen Satz ist fast alles gesagt: 1. das ,,am besten wissen", d. h. das Gefühl der bedingungslosen Überlegenheit in der Beurteilung des eigenen Seelenlebens über jedes andere Urteil; 2. ,,mein Ich", d. h. ich, so wie ich mich, auf Grund meiner dauernden Gegenüberstellung mit mir, kenne, fühle, erlebe; 3. „in jedem Augenblick", d. h. in der dauernd gegenwärtigen Stärke meines mir nie aus dem Bewußtsein kommenden Persönlichkeitsgefühls; 4. „am notwendigsten braucht", d. h. ich kenne somit meine Bedürfnisse und unter ihnen natürlich das dringlichste erst recht. Die ganze Wichtigkeit des sich selbst So und So-Fühlens, das Übergewicht des Selbstgefühls, der Selbstbeachtung geht daraus hervor. Der sentimentale Rationalist fühlt sich dauernd hier überlegen, dort bedroht, hier im Angriff, dort in Abwehr^ hier aktiv, dort passiv, in einem ewigen Hin und Her. Er entbehrt der gesunden Ausgeglichenheit einer ihn tragenden, klaren Lebensstimmung. Ich sagte vorhin: er stellt die Frage: „Oder soll ich mich nicht gekränkt fühlen?" Es ist ihm nämlich einen Moment vorher noch nicht ganz klar, ob er sich gekränkt fühlen soll, ob er die Angelegenheit nicht besser mit Nichtachtung oder Ironie übergeht oder mit nüchtern erwogener Gegen- 1 maßnähme darauf antwortet. Aber er spürt mit der Sicherheit des Instinktes, daß eine sentimentale, nach seinem Gefühl natürlich eine nur zu begründete Gefühlsaufwallung bezw. Aufpeitschung eine wunderbare Waffe ist. Denn der Einwand des anderen war ja richtig; doch zugeben kann man das nicht; man muß es also bestreiteil; da aber hierfür hinreichende Gründe fehlen, so bestreitet man ihn mit dem Gefühlsäufwand, der viel eindrucksvoller ist. Man beantwortet also die Frage dahin: Ich muß mich gekränkt fühlen, ich fühle mich tief gekränkt. Dieses sich tief gekränkt Fühlen hat seinen Sinn erst durch die Art, wie es sich äußert, und ist auch darin nicht ohne Parallele zu der rationalistischen Nüchternheit. Zwar erhält das Auftreten des Rationalisten seinen Sinn nicht durch die es begleitende Nüchternheit, aber die darin sich nach außen bekundende Überlegenheit ist geeignet, die erstrebte Wirkung zu erhöhen. Interessant ist das Gegensätzliche. Die Nüchternheit ist das Merkmal der Beherrschtheit im Planen und Handeln. Es gibt auch einen