Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 220 (sequence 7)
- Language
- German
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220 August Homburger: wieweit geschichtliche Entwicklung und Einzelschicksale daran Anteil haben, beschäftigt uns hier nicht» Mit dem sentimentalen Rationalisten überhaupt und mit dem Juden von sentimental-rationalistischer Seelenverfassung insbesondere haben wir es weiterhin zu tun, zuerst mit den Erwachsenen und dann mit den Kindern. Jeder von uns kennt Menschen, Männer wie Frauen, die im praktischen Leben und in der Verfolgung ihrer Zwecke nicht nur von der Freiheit, die ohne weiteres sichtbar ist, einen ausgedehnten und, da Freiheit eben Freiheit ist, natürlich erlaubten Gebrauch machen, sondern ebenso von jenen, nicht so ohne weiteres sichtbaren, aber um so mehr fühlbaren Freiheiten der Rede, des gesprochenen Wortes unter vier Augen und ferner des geschriebenen Wortes in Form des Berufs- oder Privatbriefs, in welchem dem Herrn Empfänger so gründlich „die Wahrheit" gesagt wird und so freundliche Zukunftsaussichten gemacht werden, daß die Vernichtung des Briefes die einzig angemessene Reaktion ist. Wenn aber unserem Briefschreiber, der ja nichts anderes getan zu haben glaubt, als daß er einem Mitbewerber um des Lebens Güter nahelegte, sich diesen auf einem anderen Wege als er selbst zu nähern oder besser jeden Versuch hierzu zu unterlassen, wenn aber diesem selben Manne ein anderer entgegentritt mit einem vielleicht nicht ganz stichhaltigen Einwand gegen seine Pläne, so fährt er in Empörung und Gekränktheit auf. Empörung, weil jener seine Wege zu kreuzen, sachlich eine andere Meinung zu haben sich erdreistet, ihm dadurch vielleicht das Leben erschwert, und Gekränktheit, weil hinter jenen Einwänden von dem gefühlvollen Manne ein moralischer Tadel oder Zweifel geahnt oder die Absicht vermutet wird, ihn zu einer Rechtfertigung zu drängen, ohne daß natürlich die geringste Veranlassung oder Verpflichtung vorliegt. Oder soll er sich am Ende nicht gekränkt fühlen, er, der immer für seine Frau und Kinder sich abmüht, der sich den Schlaf nicht gönnt, der Sonntags zu Hause arbeitet, der — und nun fängt er an sich in seine Vortrefflichkeit und seine Leidensprüfungen hineinzusteigern — soviel durchgemacht hat: wie er im vorigen Jahr Lungenentzündung hatte, und wie sein Kind gefährlich krank war und tagelang in Lebensgefahr schwebte; er, der noch vor kurzem seinem bedrängten Verwandten mit offener Hand zu Hilfe gekommen ist, der keinem Tier ein Härchen krümmen kann, dem bei jeder frohen oder ernsten Gelegenheit vor Rührung gleich die Tränen kommen? Wie kann ein Mensch sich unterstehen, schon allein so rücksichtslos zu sein, und einen solchen Sturm der Gefühle zu entfesseln, solche Erinnerungen wachzurufen! Er leidet sichtbar und bedarf natürlich jetzt doppelter Liebe von Seiten seiner Angehörigen; die erlittene Kränkung rechtfertigt ohne Zweifel mancherlei neue Ansprüche an die Hingabe der Nächsten wie ein energischeres Vorgehen gegen den Gegner. In dieser sentimentalen Erregung ist es auch außerordentlich leicht, auf einen Vorwurf eineinhalb zurückzugeben; zur rechten Zeit stellen sich Erinnerungen an unliebsame Vorkommnisse in der