Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 219 (sequence 6)
- Language
- German
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Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung 219 Der rationalistische Mensch sieht also die ihm zugänglichen Ausschnitte des Lebens unter dem Gesichtspunkte der praktischen Bedeutung für ihn, und benützt die Dinge nach der Beziehung zu seinen Zwecken; er ist weitgehend unfähig und abgeneigt, eben diesen Dingen einen Einfluß auf sein Fühlen zu verstatten, weil dieses sein Fühlen ganz allgemein zurücktritt, zum mindesten auf allen Gebieten, die er verstandesmäßig begreift und ergreift. Der sentimentale Mensch ist umgekehrt von Natur denjenigen Lebenserscheinungen zugewandt, die vernunftgemäß unfaßbar sind und außerzweckhaft; zum mindesten meint er, daß gerade das Leben im Nichtzweckhaften, im Gefühlsmäßigen ihm besonders gemäß sei, und er lehnt gern die Betrachtung nach Zwecken und Vernunftgrundsätzen als durch Gefühllosigkeit gekennzeichnet ab. Der reine Rationalist ist in seiner Art ein unkomplizierter, durchsichtiger Typus, der aus seinem Wesen keine Mördergrube macht; der Sentimentale ist zum mindesten im Ausmaße seines Erlebens, das durch Hineinsteigern, Übung und Gewohnheit erreicht wird, gefälscht; er ist über seine Ursprünglichkeit hinaus künstlich kompliziert; er ist weit davon entfernt, sein Inneres zu verbergen; er zeigt es vielmehr noch auf und stellt es in eindrucksvoller Weise zur Schau. Diese Schaustellung ist das Hauptmittel seines Wirkens. Diese Gegenüberstellung führt uns zu den Mitteln beider Typen, einem recht interessanten Problem. Der Rationalist organisiert, ohne in seinen Mitteln wählerisch zu sein, aber auch ohne sich unerwünschte Konsequenzen aufzuladen, fremde Kräfte für seine Zwecke; er läßt sie seinen Karren drücken und läßt sie dabei womöglich in dem Glauben, sie drückten ihren eigenen. Der Sentimentale benutzt für seine Zwecke seine eigene Sentimentalität. Er erregt Mitleid und Interesse und sucht Menschen, die sich, von ihm eingefangen, für ihn einsetzen und ihm die Kämpfe des Lebens abnehmen. Doch fragt man ihn, so ist ihm nichts fremder als ein solcher Gedanke, Menschen einzufangen oder sich dienstbar zu machen; die tun alles ganz von selbst, aus eigenem Antrieb, ihm zu Liebe; sein zartes, gefühlvolles Wesen hat ihm Freunde erworben. So finden wir hier zum erstenmal über alle krassen Unterschiede hinweg ein Verwandtes und Gemeinsames zwischen diesen beiden anscheinend unvermittelt und durch eine unüberbrückbare Kluft voneinander getrennten Menschentypen. Und damit steht die seltsame Frage vor uns auf: gibt es denn nicht Menschen, in deren Brust diese zwei Seelen wohnen, die dieses Gegensatzpaar, wie man psychologisch sagt: diese Antinomie, m der Einheit der unteilbaren Persönlichkeit, im individuellen Sein vereinigen? Diese Vereinigung gibt es tatsächlich, und der sentimentale Rationalist ist eine wohlbekannte Form seelischer Vereigenschaftung; er findet sich nicht gerade selten auch unter den Juden der Gegenwart. So entstand unser Problem, und nun wird deutlich sein, warum wir so allgemein beginnen mußten, um einen Sonderfall klarer zu fassen. Inwieweit rassenmäßige Veranlagung, in-