Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 218 (sequence 5)
- Language
- German
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218 August Homburger: \ und leidend ist. Das ist doch wohl eine andere Skala als die, welche der Rationalist auf und ab zu klimmen pflegt! Dem Sentimentalen verschwimmt alles Einzelne zu der seinem leidenden Stimmungsbedürfnis so sehr gemäßen, unklaren, verwaschenen, nebligen, schleierhaften, verklingenden, saft-, kraft- und konturlosen Weichheit. Er möchte sich ermannen und doch der süßen Schwäche erliegen, die Schwierigkeiten des Lebens meistern, ohne von seiner Härte berührt zu werden, groß sein, ohne Wunden dabei zu erhalten, gut sein und von Güte überfließen und in ihr zerfließen. Das ist das Eigentümliche am Sentimentalen, daß seine Gefühle an Fülle, an Farbigkeit, an Erlebniswirkung und zeitlicher Nachhaltigkeit zunehmen, ohne doch Motive des Handelns werden zu können, mit Ausnahme von Ansätzen ohne Kraft und Nachdruck, die, wie Hamlet sagt, der Handlung Namen verlieren. Die Sentimentalen besitzen nicht die Kraft gesunder und echter Gefühle und Gemütsbewegungen; ihre Freude ist nicht hell und klar, ihre Trauer nicht still, ihr Mitgefühl ist übersteigert, sie spiegeln sich selbst darin, steigern sich hinein und wollen, daß man es ihnen ansieht, wie ergriffen sie sind. Wenn die Sentimentalen beiderlei Geschlechts nun dergestalt am Leben und Erleben leiden, so stehen sie doch zumeist derart im Leben, daß sie von ihrer Sentimentalität nicht leben können; denn es sind nicht nur Backfische, die hier in Frage stehen, sondern Menschen, die einem Berufe nachgehen, etwas arbeiten, sozusagen im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen müssen. Das kommt ihnen hart genug an, denn es ist nichts für sie. Vor Gegensätzen, Konflikten, Mißhelligkeiten, Wettbewerb und den Schattenseiten der menschlichen Charaktere, den Rücksichtslosigkeiten und der Unzartheit, der lärmenden Frische und Kraft — vor allen Zwischenfällen des Lebens möchten sie fliehen und können nicht. Angesichts dieser Unmöglichkeit des Entfliehens und der Ohnmacht zum Widerstand versinken sie immer mehr in ihre Gefühle; und nun kommt eine neue Skala sentimentaler Auswirkungen, vor die man als Motto die Worte setzen könnte: „Und dies mir!!" Mir diese Kränkung, die Beleidigung meiner tiefsten Gefühle, dieser Lärm, diese Grobheiten, diese Umstände! Und eine sentimentale Entrüstung kommt auf, die natürlich auch ihre besonderen Merkmale hat: da ist der Brustton der Überzeugung sozusagen in Moll, der flammende Protest, der zusammenbricht aus Angst vor der eigenen Kurage, Schwüre bei den höchsten Namen und Gütern im Gefühl der Unfähigkeit, ihnen entsprechend handeln zu können, Aus brüche von Haß und Verachtung mit sich überschlagender Stimme und dazu ein Aufgebot theatralischer Gebärde und Mimik und eine Fülle des Unechten und auch des subjektiv Unwahren und bewußt Übertriebenen überhaupt. Und dann gibt es noch eine Seitentreppe, auf der die im Leben so vielen Anfeindungen ausgesetzten Gefühle der Blutsverwandtschaft, der Nichtblutsverwandtschaft, der Freundschaft, der Überlieferung, der Familie, des Berufes, des Standes, der Rasse, im geeigneten oder im ungeeignetsten Moment, zu Höhe des Bewußtseins gelangen.