Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 217 (sequence 4)
- Language
- German
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Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung 217 Für die Frauen hat er ,,Interesse", d. h. was er darunter versteht, wie man Interesse für einen Gegenstand seines Genießens oder für ein Mittel zur Verschönerung und Verbesserung seines Lebens hat, aber Achtung vor ihnen hat er im Grunde nicht. , Erforderlichenfalls ist der Rationalist modern, fortschrittlich, reformatorisch, auf jeden Fall zu weitestgehendem Entgegenkommen bereit; seine Bedenkenfreiheit gestattet ihm aber auch ein energisches Eintreten für „Staatserhaltung", Überlieferung, Festhalten am guten Alten, je nachdem er Anschluß oder Gefolgschaft findet, und es ihm dienlich ist. Zweckdienlichkeit und Vernünftigkeit sind die Gesichtspunkte, die in allen Fällen entscheidend sind. Wenden wir uns jetzt dem Wesen der Sentimentalität zu. Sie ist keine Weltanschauung; in ihr fügt sich nicht das Einzelne zum Ganzen, sie ist noch nicht einmal eine Lebensauffassung, sondern sie ist vielmehr eine stimmungs- und gefühlsmäßige Einstellung. Sie steht zum Rationalismus in einem höchst interessanten Gegensatz. Der Rationalist sieht alles Sein und Geschehen von seinen, uns jetzt ja geläufigen Gesichtspunkten in der daraus für ihn sich ergebenden Klarheit, und er ist ein Mensch des Handelns, der Aktivität, des Umsetzens seiner Wahrnehmungen und Gedanken in praktische Tätigkeit. Beim Sentimentalen ist das Gegenteil der Fall. Er ist passiv. Der Münchener Psychologe Prof. Moritz Geiger hat diese Einstellung in seiner Abhandlung „Über das Bewußtsein von Gefühlen" ausgezeichnet beschrieben: „Ich lasse mich einfach von der Stimmung überwältigen, wie sie mir der Gegenstand bringt, ohne mich für seine Einzelheiten zu interessieren. Vielleicht am deutlichsten wird dies bei Naturstimmungen, die unversehens Besitz ergreifen, und die man in sich hineinzieht. Man tritt aus dem Zimmer in einer klaren Nacht in den Garten, oder es breitet sich bei einer Wegbiegung plötzlich eine weite, liebliche Landschaft aus .... ich ziehe die Stimmung in mich ein, sie ergreift mich und füllt mich aus." Der Sentimentale hat, so stellen wir nunmehr weiterhin fest, indem wir wieder vom reinen Typus sprechen, nicht Gefühle wie ein anderer, er kniet sich vielmehr hinein, er steigert sich hinein, er genießt sie, er gibt sich ihnen restlos hin — solange, bis ihn die Gefühle haben, bis sie Herr seiner Persönlichkeit geworden sind, bis diese unterliegt und schließlich darunter leidet. Dann ist der Empfindsame am letzten Ziele angelangt. Er ist aber vielseitig in seiner Leidensfähigkeit. Er kann unter fremdem wie unter eigenem Erleben leiden, an des anderen wie an seiner eigenen Sehnsucht und Hingebung, Schönheit, Lieblichkeit, Freude, Grauen, Bangen, Leid, Schmerz, Armut, Not, Unglück, Schicksal, und an jeglicher eindrucksvollen Wendung des Lebens, mag sie wirklich, vergangen oder gegenwärtig, befürchtet, erhofft, erdichtet oder erlogen sein. Waldesrauschen, das Murmeln des Bächleins, das Zirpen des Heimchens, die blumige Wiese, der Schimmer der Herbstsonne, die Zartheit des jungen Grüns, der Frühling, die Weichheit des Mondlichts, das Läuten der Glocken, schöne Worte und sanfte Klänge, alles rührt ihn, packt ihn, greift ihn an, bis er angegriffen