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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 216

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
Date
1921-01-01
Page
216 (sequence 3)
Language
German
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2X6 August Homburger: dienstbar machen kann. Nach diesen Gesichtspunkten scheiden sich die Menschen, denen er Achtung entgegenbringt, von denen, auf die er herabblickt, und von denen, die er mit seinem Mißtrauen beehrt. Denn Vertrauen zu haben, zu wem auch immer, liegt nicht in seiner Art. Es bleibt ihm gleich unverständlich — wir sprechen vomreinenTypus — daß ein Merisch sich mit Dingen abgibt, bei denen „nichts herauskommt", daß er Zeit, Mühe, Kraft für „Probleme" opfert, daß die reine Erkenntnis beispielsweise einziges Ziel seines Strebens ist, wie es ihm unverständlich bleibt, daß sich jemand reiner Gesinnungsfragen willen in Kämpfe begibt, die lebens- oder existenzbedrohend sind. Er ist deshalb geneigt, derartigen Menschen im Stillen andere, ihm näherliegende Motive unterzulegen oder sie schlechtweg für dumm und töricht oder für sonderbar und verdreht zu halten; sie sind ihm Nahrung seiner vernunftbewußten Überheblichkeit, seiner Lebensklugheit. Dem Rationalisten ist es eigen, die Gelegenheit beim Schöpfe zu fassen und ohne lange Vorbereitungen und Bedenken den geeigneten Augenblick wahrzunehmen. Er kann sich das ja auch leisten; denn ständig mit seinen rationalen Gedanken beschäftigt, ist er ja auf alles mögliche vorbereitet. Er begegnet uns beispielsweise auf der Straße: „Nun wie gehts, wie stehts?" — und ohne die Antwort erst abzuwarten, fährt er fort: „Es freut mich sehr, Sie zu sehen, ich habe Sie schon lange etwas fragen wollen." Und dann bringt er mit Verbindlichkeit und unter Umständen mit ebenso großer Unverfrorenheit und Kaltblütigkeit eine ihm nützliche und wichtige Sache vor, wegen deren er uns weder schreiben noch einen Besuch machen würde, wenn er dies irgend umgehen kann. Hic Rhodus, hic salta! So, jetzt steh Rede und Antwort! Er weiß seine Leute zu nehmen und wickelt sie in Vertraulichkeit, gegebenenfalls in Schmeicheleien ein, faßt sie unter den Arm, nennt sie „mein lieber Freund", oder aber er bittet höflichst um Entschuldigung, bedauert so zudringlich zu sein, macht Komplimente, ist unterwürfig. Wo es ihm zweckmäßig erscheint, verfährt et auch anders; dann ist das Papier geduldig und nimmt die ehrerbietigsten Redewendungen auf, versichert den Empfänger der größten Hochachtung, denn es verpflichtet zu nichts, wenn man nur seinen Zweck erreicht. Er fürchtet durchaus nicht, sich etwas zu vergeben, denn Stolz und Würde sind für ihn nicht höchste persönliche Güter von unveräußerlichem Eigenwert, sondern sie sind ihm Tauschobjekte, die ihre Konjunktur und ihre wandelbare Geltung haben. In all diesen Lagen, von denen die eine oder andere auch den Charakter eines Wagnisses haben mag, hat er doch eine gewisse Art von Steuerung: er hat, wie man zu sagen pflegt, einen gewissen Riecher für das, was andere Leute, auf deren Meinung man Gewicht legen muß, für anständig, zulässig, erlaubt, gehörig, angemessen halten, und wie derlei Abstufungen der sozialen und ethischen Gesittung sonst noch alle heißen mögen; er hat einen Riecher für Wertungen, die nicht seine eigenen sind, die ihm selbst im Grunde nebensächlich erscheinen, vielleicht sogar verächtlich und kleinlich. Aber so denkt er, da Herr N. darauf Wert legt, so soll er seine Freude haben.

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