Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 215 (sequence 2)
- Language
- German
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Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung 215 schließen sie auch zwei Weisen der Handhabung des Daseins in sich. Indem beides der Fall ist, beziehen sich Rationalismus und Sentimentalität nicht nur auf ihre erwachsenen Träger, sondern wirken sich aus in der Lebensgestaltung derer, die zunächst ihrem Einfluß unterworfen sind, und das sind die Kinder, die Jugend, Aus diesem Grunde ist die Einstellung Ton der Vernunfts- und der Gefühlsseite her zum eigenen und fremden, erloschenen und beginnenden, vornehmlich aber zu dem sich entfaltenden Leben ein pädagogisch-psychologisches Problem. Sie ist eine Jugendfrage im ausgesprochenen Sinne. Man wird sehen, daß sie auch ein psychiatrisches Problem werden kann. Wir werden diese beiden Einstellungen in ihre äußersten Auswirkungen hinein verfolgen, selbst bis zu ihrer karikaturenhaften Verzerrung; denn so werden sie in ihrem Wesen am schärfsten beleuchtet, und wir werden der Klarheit wie der Wahrheit wegen manches sagen müssen, was uns nicht angenehm klingt. Rationalismus ist eine Auffassung und Bewertung des menschlichen Lebens und Handelns unter dem Gesichtspunkte des Vernunftgemäßen und in diesem Sinne Zweckmäßigen oder unter dem Gesichtspunkte, daß das Leben sich bestimmte und zwar praktische Zwecke setzt und sich nach den vernunftgemäßen Mitteln orientiert, mit denen es diese Zwecke zu erreichen trachtet. Der Rationalismus ist also eine nüchterne und ernüchternde Lebensauffassung. Verstandesbegabung, Klugheit, geistige Regsamkeit, Wille, Spannkraft, Entschlußfähigkeit, Gewandtheit, Fleiß, Unternehmungsgeist, Daseinsfreude, Lebensdrang und ebenso die starken Formen der Affekte: Mut, Zorn, Haß usw. stellt er in den Dienst nächster, greifbarer, bestimmt erreichbarer Ziele, deren Verwirklichung zu weiter gesteckten Zielen hinführt, die klar und nüchtern erwogen die Triebfedern des Handelns dauernd in Bewegung setzen. Die Gewißheit kleiner Erfolge, die sich summieren mul mehren, und auf Grund deren größere Unternehmungen gewagt werden dürfen, unterhalten eine Lebensstimmung der Befriedigung im Blick nach rückwärts — und des ständig bewegten Bedürfnisses nach vermehrter Geltung, vermehrtem Ansehen und vermehrten Lebensgütern durch neue Erfolge im Blick nacfi vorwärts. Ein derart geformter und ausgerichteter Mensch wird in ganz bestimmter Weise auf andere Menschen und ihr Tun hinblicken; er wird in ganz bestimmter Weise über seine und deren Mittel und Wege und Beweggründe des Handelns denken. Er wird auf andere Menschen hinblicken z. B. mit der Frage, ob sie geradeso „tüchtig" und „gescheit" sind wie er, Tüchtigkeit und Gescheitheit in seinem Sinne verstanden; er wird sie nach ihren äußeren Erfolgen messen, nach ihrem sichtbaren Tun, nach der Stellung und dem Ansehen, das sie genießen, nach ihrem Besitz, nach ihren Zukunftsaussichten und vor allem auch danach, ob sie ihm nützlich oder schädlich werden können, oder ob sie ihm gleichgültig bleiben surfen. Er wird sie, wie alles, dem sein Interesse sich zuwendet, auch daraufhin anschauen, ob er sie, sei es jetzt oder später, seinen eigenen Zwecken