Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 214

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Über Rationalismus und Sentimentalität in der jüdischen Jugenderziehung
Date
1921-01-01
Page
214 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101194-3107913--5974-3107953
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

214 August Homburger: AUGUST HOMBURGER / ÜBER RATIONALISMUS UND SENTI* MENTALITÄT IN DER JÜDISCHEN JUGENDERZIEHUNG1) Wenn wir das Ganze eines abgelaufenen Menschenlebens betrachten, rückschauend den Blick auf den Lebensgang richten, ihm folgen und, am Ende angelangt, dieses Leben als die E i n h e i t eines Menschendaseins zusammenfassen und'zu begreifen suchen, indem wir das Ende auf den Anfang sozusagen zurückbiegen, haben wir stets das Bedürfnis, das Schaffen und das Sein, Begabung und Charakter, Leistung und Streben, Verstand und Gemüt aufeinander zu beziehen. Und was wir dabei wollen, ist dieses: wir wollen verstehen, warum dieses Leben sich so gestaltet hat, und indem wir noch einen Schritt weitergehen, die Geistigkeit des Menschen zu seinem Schicksal in Beziehung setzen. Verschiedene Betrachter sehen ein solches Leben nicht auf die gleiche Weise, und wenn auch einem Verstorbenen gegenüber die Einstellungen und Wertschätzungen größere Annäherungen zu erfahren pflegen, so bleiben doch genügend große Verschiedenheiten, je nachdem Freundschaft oder Feindseligkeit, Gleichgesinntheit oder Gegensätzlichkeit, Liebe und Verehrung oder die Nüchternheit des persönlichen Abstandes und der sachlichen Kritik, Bande der Verwandschaft und Lebensgemeinschaft oder Verschiedenheiten von Abstammung, Stand und Beruf ins Spiel treten. Wenn wir umgekehrt an der Wiege eines Neugeborenen stehen, sehen wir von einem Punkte in eine offene Weite, hegen Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen, je nach den Umständen der Abstammung des Kindes und der Lebenslage, in die es hineingeboren ist; die Verschiedenheit der Betrachter aber zeigt sich in Äußerungen ihrer eigenen Lebensstimmung, im wesentlichen zwischen den gegensätzlichen Polen einer optimistischen oder pessimistischen Bewertung des Daseins sich abwandelnd. So verschieden unsere Lage in diesen beiden Fällen ist, und der Zufall kann es wollen, daß der gleiche Tag uns in beiden Lagen sieht, so ist ihnen doch eines gemeinsam: beide Male befinden wir uns in betrachtender Einstellung. Wir schauen auf ein anderes Dasein hin und stellen darüber Betrachtungen an; wir stellen Betrachtungen über das Dasein und Betrachtungen über einzelne Menschen an. Auch die beiden seelischen Richtungen, von denen als von einem psychologisch besonders interessanten Gegensatzpaare wir heute sprechen wollen, Rationalismus und Sentimentalität, bergen zwei Weisen der Daseinsbetrachtung und der Betrachtung von einzelnen Menschen in sich; außerdem L) Nach einem in der Arbeitsgemeinschaft der jüd. Jugend in Heidelberg gehaltenen Vortrag.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.