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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 212

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Wiederkunft des Gleichen
Date
1921-01-01
Page
212 (sequence 7)
Language
German
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212 David Koigen: Wir, die „Synoptiker", die Zusammenschauenden, sehen anders. Selbst das schwer erkrankte Europa betrachten wir mit anderen Augen, . Die Tat« bestände mögen schon zutreffen, auch ihre Reihenfolge ist richtig skizziert. Bloß die Schlußfolgerung ist falsch. „So" ist gar nicht die Menschennatur, so ist vielmehr die Natur der gegenwärtigen europäischen „Geschichte", ihres konzentrischen Vorganges beschaffen. Die alten Wege der Geschichte sind jetzt nicht mehr gangbar. Und gerade unsere Kulturen, die in alle Länder und Klassen, die zur Zeit miteinander in Fehde liegen, gedrungen sind, machen die Ziele jener „Geschichten" zu Schanden. Im Grunde gibt es keine Sieger: alle sind besiegt. Noch eine, noch zwei Generationen gemeinsamer Kultur in der Völkerfamilie europäischer Gesittung — und die geschichtlichen „Siege" sind eine Sache der Unmöglichkeit. Allein zur Zeit fällt es uns allen so schwer, mit der Problematik des Daseins fertig zu werden, weil wir uns noch immer in der Gewalt der inszenierten Geschichte befinden. Ihre Macht tritt selbst in der Ideologie, d. h. in dem, was die Menschen erst sein wollen, hervor. Der Meister, der Sinn für die Meisterschaft im Leben und Schaffen, ist abhanden gekommen, und der sogenannte „Held", dem es nun jetzt leicht gemacht wird, hat den Platz inne. In Zeiten der schöpferischen Kultur- und Lebenszeugung ging es diesem „Helden" nicht sonderlich gut. Er suchte stets den Eindruck zu erwecken, der Philister sei es, der die Schuld an seinem traurigen Geschicke trage. In Wirklichkeit aber ist das Philistertum der toten trägen Materie gleich, die noch keinem wahren Helden irgend eine tiefe Wunde zu schlagen vermochte. Der Held, dieser Radaumacher in allen aufgewühlten Lagen menschlichen Daseins, mußte es mit dem Meister aufnehmen. Seine Niederlage war vorher bestimmt. Ich begreife nun den Haß gegen den „anti-kriegerischen" Goethe, gegen den Meister Goethe, der bereits bei den Taten-Helden der Kriegszeit eingesetzt hat und den zur Zeit der Heros des „Völkischen" überall hin verbreitet. Böse, im Grunde unfruchtbare Zeiten sind die Epochen historischer Umstellungen; was ich an ihnen beklage, ist keineswegs das Absterben des Philistertums, das ja in allen Daseinshorizonten sein Schlaraffenland zu finden weiß: der gewalttätig herbeigerufene Tod des Meisters und der Meisterschaft ist es, der uns traurig stimmt. Gerade an der Hand wirksamer. Geschichte, und nicht an der Geschichte, wie sie von Partei- und National-Historikern nachgezeichnet wird, sollte man die Ergebnisse der kriegs-revolutionären Historie, den Wert ihrer sogenannten weltgeschichtlichen Taten nachprüfen. Da fällt einem vor allem das Menschenmaterial der Geschichte in die Augen: die Vollstrecker ihres Willens. Die biologisch oder sozial Benachteiligten oder gar die grundsätzlichen Pessimisten fühlen sich im Kreislaufe der Geschichte wohl und behaglich. Zumal das soziale und geistige Krüppeltum bedarf der apokalyptischen Zeiten, ihrer ungesunden Ekstasen und Ausschweifungen, um so in dem Schattenspiel sich ganz zu vergessen. Die glänzenden Führer und Machthaber der Geschichte vermögen kaum die allgemeine Lebensbilanz wieder gut zu machen. Wo ein Cäsar einen Gallischen Krieg meistert,

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