Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Wiederkunft des Gleichen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 213 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101194-3107912--5972-3107952- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wiederkunft des Gleichen 213 dort morden und hetzen tausende Prätorianer, wo ein Cromwell oder Robespierre am Werke sind, dort wird die Luft mit den ungesunden Dünsten von tausend und abertausend der Sansculotten erfüllt. Wenn es einem Friedrich dem Großen, einem Napoleon oder Bismarck, dem historischen Wirbel zum Trotz, auch hier und da gelingt, Menschenschicksale aufzurichten und neuen, lebendigen Geist zu entfachen, so sind es stets Menschen und Geister, die durchaus nicht auf dem von ihnen aufgewühlten Boden gewachsen sind. Meistens sind es Vorläufer oder Erben, denen das Lebendige jener Geschichte Nutzen bringt. Das wahre Symbol der sogenannten großen geschichtlichen Taten, der historische Dränger im Original, ist noch immer der Barbar Attila, dem bekanntlich nachgesagt wird, wo der Huf seines Pferdes trat, dort zeugte die Erde keine Kräuter mehr; und das Leben blieb für immer erloschen. Europa von heute ist übersättigt von kriegerisch-rebellischem Geist, ist „geschichtlich", ist auf den Tod verwundet. Viele glauben noch an den historischen Götzen und sehnen sich nach dem Heldentum, das angeblich im Russenland in die Höhe geschossen ist. Erst hier, in Mitteleuropa, habe ich es verstanden: drüben, im Osten, gebrauchte man den Kommunismus als Mittel zur Wiederherstellung des russischen Reiches, hier aber erlebte man ihn als soziale Heilslehre und Erlösung. Die Proletarier, die an das alte Marxsche Testament glauben, die so während einer ganzen Generation zur,, Geschichte", zu einem Kampf um eine Klassengeschichte erzogen wurden, sind es vor allem, die in der Richtung nach dem Russenland schielen. In historischen Kämpfen erzogen, haben auch manche Proletarier, gleich den „Völkischen", jeden Sinn und die Liebe für die lebendige Kultur eingebüßt. Sie werden von der Mirage der historischen Gewalten geblendet. Die Seele ist hüben und drüben verwüstet, und so wähnt man vermöge des „Heldentums" sich wieder aufraffen zu können. Wieder schallt uns entgegen: die Ehre, das Prestige Frankreichs, die Größe Italiens, die Hoheit Deutschlands, der Ruhm Rußlands — alles geschichtlich-politische Bewertungen, die kaum auf ein glückliches Ende hindeuten. Wiederkunft des Gleichen! Wenn auch in einer neuen Situation. Alles Variationen des Historischen, das aus dem Häuschen geraten, den Bestand und das Wachstum der Kultur und mithin ihre gesamte schöpferische Intimität von Grund aus bedroht. Abrüsten, historisch abrüsten! — muß unser Schlachtruf werden, damit wir wieder zu einem M i n i m u m in historischen Angelegenheiten und einem Maximum im Kulturleben gelangen. Und nur so, wie es mir scheint, würden wir es erreichen, Geschichte im eigenen Dasein, in unserem gesamten Tatvollzüg zu entdecken und zu zeugen. Treten wir aus dem Wirbel heraus, kehren wir uns von jenem Candidus ab, dessen Leben eine Mirage, dessen Flug ein Ikarusflug ist, und laßt uns, wie ein alter weiser Dichter es uns anempfohlen hat, unsern Acker aufs neue bebauen. Das „Ereignis", auf das wir warteten, tritt immer wieder ein, das goldene Vließ, das wir suchten, liegt sicherlich in unser aller Nähe.