Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Wiederkunft des Gleichen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 211 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiederkunft des Gleichen 211 verengt und die Freude am Schaffen, am eigenen Einzelleben verliert an Intensität. Die kollektiven Anspannungen und Umwälzungen, die die Bezeichnungen von Krieg und Revolution tragen und so auf die äußerste Kraft des Historischen hindeuten, kommen bereits zur Welt als reaktionäre, bindende Mächte, Wir haben es erst vor kurzem allenthalben in Europa erlebt, wie die schöpferischen Regungen und Einstellungen der Einzelnen und der Gesellschaftsgruppen von einer fatal anmutenden Gewalt gebunden und beherrscht wurden. Sowohl im Krieg wie in der Revolution wurden selbst die revolutionär und kriegerisch anhebenden Willen, das Wollen eines schöpferischen Anders-Werdens verstümmelt, die lebendige Seele des Tat Vollzugs im Dasein, sein gesamtes Ethos trat vor der volont6 historique weit zurück. Das wirtschaftliche Subjekt, die juridische Person, der moralische Mensch, selbst der erkennende und künstlerisch die Welt erfassende Mensch sind überall ins Wanken geraten, sie sind bisweilen vom Willen zur außermenschlichen kollektiv-eindeutigen Historie in das Reich der Schatten gerückt. Die Stelle des Kulturmenschen, der vom Willen zum Bau eines Einzel- und Gesamtlebens getragen wurde, nahmen, je nach den geschichtlichen Begebenheiten, der primitive Rassen-, Stammes- und Klassenmensch, stets aber ein homogener Massenmensch ein. Und dieser namenlose Herdenmensch, mit dem Kainszeichen an der Stirn, von derblinden Fatalität belastet, ist es in der Folge, der Krieg in Auflösung, Revolution zur Reaktion wandelt. Es ist ein Gesetz seines innerlich beengten und äußerlich zusammengeschrumpften Daseins, daß er die Reaktion, wenn auch in kriegerisch-revolutionäre Bemäntelung, ans Tageslicht fördert. Die soziale, politische und die gesamte kulturelle Reaktion wächst sich hier zur religiösmetaphysischen aus. Noch ein wenig hochgespannter Geschichte—und Europa ist der Götzendienerei im buchstäblichen Sinne des vieldeutigen Wortes verfallen. Es ist eine traurige Wahrheit, die uns die historische Zeit zuflüstert. Wir sollen einmal den Mut bekunden, ihr ins verzerrte Gesicht zu schauen. In ihren weiteren Auswirkungen enthält sie manches Überraschende. Das traditionelleDenken macht es sich leicht: „Seht euch nur die europäische Kultur und ihre Gestalten an, merkt ihr denn nicht, wie die Schatten des AI ers und Todes in ihren Tiefen den letzten Bacchustanz aufführen? Diese Kultur samt ihrem Ethos ist ohnmächtig, selbst die Besten unter uns auf dem Fluge nach dem Abgrund aufzuhalten. Betrachtet nur den Idealisten von vorgestern, den es nach einem Märtyrerkranz dürstete; gestern trat er bereits als Ideologe, das heißt: als Demagoge auf. Heute aber sind die Masken gefallen; der Idealist und Ideologe hat sich als rücksichtsloser Machthaber, als „Realist" und Opportunist entpuppt. Überall—Massenrenegatentum, seelisches,geistiges, soziales und politisches Renegatentum!" Man ist ob der Tücke der Menschen verzweifelt, man ist von der gesamten Kultur enttäuscht. Die „Philosophen" mahnen zur Rückkehr und predigen die ungebrochenen Instinkte an, die sie »»Intuition" nennen, die „Religiösen" warten auf eigene „nationale" Offenbarungen, und der gewöhnliche Sterbliche bringt nur die Elegie heraus: So ist einmal die Menschennatur beschaffen, sie klebt an der Erde, und ist wie diese gebrechlich und aus Staub geformt. 14*