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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 210

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Wiederkunft des Gleichen
Date
1921-01-01
Page
210 (sequence 5)
Language
German
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216 David Koigcn: Gewaltig ist der Mensch nicht nur in Schönheit, sondern auch in Häßlichkeit. Wir erleben es zur Zeit inVollem Maße. Wer gemartert und gequält wird, findet noch immer einen, den er seinerseits zu kreuzigen vermag. Europa und zumal das deutsche Europäertum, das auf dem besten Wege ist, sich in einen Graeculus zu wandeln, hat bisweilen seinen Graeculus gefunden, den es hetzen und verfolgen kann. Eine förmliche Jagd veranstalten „gebildete" Barbaren auf den Juden und zwingen ihn so, in einen Graeculus sich zu wandeln, auf den Juden, dessen Schuld in Europa darin bestand, dass er es ernst nahm mit der Kultur und ihrem Gedanken, und daß das Christentum es nie vermocht hatte, ihm christlich gegenüber zu treten. Arme Toren, diese europäischen Juden! -Sie wähnten in dieser Welt der geschichtlich-politischen Gegensätze ohne eigene Geschichte auskommen zu können, sie vertrauten allzu früh der Kultur und nun werden sie zur Rechenschaft gezogen. Die Kultur hat sie frei gesprochen und in den Ehrenstand erhoben, und die Geschichte, die böse Geschichte der europäischen Völker, an ihrem eigenen Urzustand angelangt, schlägt sie ans Kreuz. Ans Kreuz mit ihnen, die einst sich selber historisch gekreuzigt haben, umso die „Gemeinde", die „Ecclesia", „die Kirche", das Christentum entstehen zu lassen! Verstehen es viele in Europa und in der Welt überhaupt, daß, hätte Judäa seinerzeit dem weltpolitischen Andrang der alten Welt standgehalten, hätte es nicht damals sich selbst historisch-politisch gekreuzigt, daß es dann in der We t nicht zur Offenbarungswahrheit des Christentums gekommen wäre? Und mit ihm wäre man auch nie zu den seelenvollen Freuden und seelenvollen Schmerzen, zur „Seele" schlechtweg, gelangt. Wißt ihr es, Christen, und wenn ihr es wißt, wo bleibt ihr dann in dieser wolkenbeladenen Zeit? Oder gibt es keine Christen mehr in Europa? Die sieben (und noch mehr?) Jahre kriegs-europäischer Geschichte haben uns manche Täuschung bereitet und über manches Problem — aufgeklärt. Wir Synoptiker, die die Welt in ihrer totalen Zusammenwirkung zu sehen uns befleißigen, haben uns von vorneherein keinen großen Hoffnungen hingegeben. Als Soziologen kannten wir die Menschennatur auch in ihrer zeitlichen Erscheinung und waren vertraut mit der europäischen Historie. Wir glaubten nicht an die Losung „Krieg dem Kriege!", „Revolution der Reaktionl", was ja gleichbedeutend ist mit „Reaktion der Reaktion!". Wie kann denn Gutes aus dem „radikal Bösen", wie soll das Neue aus der reinen „Geschichte" kommen? In der eigentlichen „Geschichte", wo die Kultur samt ihrem schaffenden Geist unwillkürlich zurückgedrängt und selbst erschlagen wird, scheint nichts Wesentliches vor sich zu gehen; die Substanz des Daseins vermag da keinen Mehrgewinn zu verzeichnen. Zumal in den sogenannten historischen Zeiten ist eine wesentliche Erneuerung und Vermehrung der Lebenstotalität unmöglich. Die historische Zeit erweckt wohl längst schlummernde Mächte zu neuem Leben, hebt tief eingewurzelte und verschüttete Traditionen an die Oberfläche, stellt Menschenleben um, vernichtet und richtet Schicksale auf, allein der Gehalt des Daseins nimmt eher ab als zu, der Lebenslauf wird

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