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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 209

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Wiederkunft des Gleichen
Date
1921-01-01
Page
209 (sequence 4)
Language
German
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Wiederkunft des Gleichen 209 ist der Urmensch auferstanden mit seinem Barbarentum, Heidentum und Fetischismus. Noch ein wenig „Geschichte", bloß noch eine kriegerische Generation — und die Kultur und Kulturgemeinschaft Europas ist weggewischt, zurückgedrängt. Die geschichtlichen Kämpfe und Gegnerschaften mühen sich aus aller Kraft, den lebendigen Kulturgeist zu töten. Von innen gesehen, im Geiste, ist die Zerstörung und Auflösung weit fortgeschritten. Nicht nur der Kulturstaat und das Kulturvolk, selbst die Nation als Ausdruck jener Universalität, deren ein völkisches Gemeinwesen fähig ist, ist zerflossen und abgebrochen. Der Pfeil der kriegerischen Geschichte brach in die Seele und gelangte an den Ort, wo Rasseninstinkte und naturhafte Mythen ihr unsauberes Spiel treiben. Keineswegs zu Recht führen heutzutage die Hüter der Nation das mächtig-schöne Wort „national" im Munde. Die Rassendogmatik, eingebildete Mythen aus einer längst verschwundenen Zeit, haben sich des Bewußtseins bemächtigt und würgen und martern den Geist Europas. Walhalla hat Christus ersetzt, Sonnenanbeter nennen sich zur Zeit die berufenen Gottesdiener, okkultistischer Aberglaube und Mystagogen aller Art schicken sich an, die Religion und Philosophie Europas abzulösen. Barbarentum, Heidentum, Fetischismus—wohin man nur den Blick wirft, allenthalben stößt man auf jene Ur-Erzeugnisse, die drohen, alle Kultur in ihren Schleim herunterzuziehen. Der kriegeriscligeschichtliche Geist hat hier ebenso radikal und rücksichtslos gehaust, wie drüben in Rußland der revolutions-geschichtliche Gedanke es tat. Bolschewisten, Fascisten, Gallier, Teutonen ... — alles Gestalten aus dem „Ur", dem Schleim der geschichtlichen Welt. Der europäische Kulturgeist, zumal der tief und universell angelegte deutsche Geist, macht übermenschliche Anstrengungen, fährt fort, seinen wunderreichen Teppich zu spinnen. Zweifel steigen in unsere Seele: Und wenn die Ketten, mit denen die Kriegssoziologie Europa umschlungen hält, nicht brectien, nicht nachgeben — was dann? — Dann wird nach historischem Ermessen Europa in die Lage geraten, in die einst das schöpferische Kellas versetzt wurde. Damals, als es den Hellenismus schuf, dessen sich Rom in technisch-zivilisatorischer Absicht bemächtigt hat. Damals als die Griechen, jene reinen Kulturdiener, m »Graeculi« sich gewandelt haben. Das neue Rom, das den europäischen Geist in technisch-zivilisatorischer Absicht aufzunehmen bereit ist, steht schon aufgerichtet da. Es nennt sich jetzt: Vereinigte Staaten von Nordamerika, Kaiserreich Japan, und trägt auch noch andere Namen. An Stelle der europaischen Kultur — ein europäisches Barbarentum und eine europäisch-, amerikanische, europäisch-japanische Zivilisation. Und wir Europäer des Kontinents, allen voran die Deutschen, als die „Graeculi" jener Zivilisationen. Muß es sein? — Durchaus nicht. Nur die europäische Staaten- und Völkergeschichte ist tödlich verwundet, ihr schaffender Kulturgeist aber ist bloß erkrankt, leidet tief an neurosis historiae. Muß der Niedergang eintreten? Es muß, es soll nicht sein. Viele Gewalten, gibt es in der Welt, doch gewaltiger ist der Mensch — so sagten die Alten durch den Mund eines ihrer gottbegnadeten Dichter. Heft*. 14

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