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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 208

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Wiederkunft des Gleichen
Date
1921-01-01
Page
208 (sequence 3)
Language
German
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208 D av i d Koi gen: war er sicherlich kein Deutscher, Goethe vermöge man vor „langweiligem Ernst" nicht zu lesen und Luther war ein Rebell, den es gelüstete, den Papstthron zu besteigen; Bismarck — ein Barbar, und dem Deutschen überhaupt mangele es an Geist, an Seele und Organisationskraft. Und alle seien sie miteinander Heiden, die an keinen Gott glauben, keine Wärme in sich tragen und selbst einander keine Güte bezeugen. Ich horchte auf und sagte nur: „Sie mögen schon recht haben! Jesus von Nazareth war kein Jude und der Apostel Paulus war es auch nicht, und die Bibel haben die Buschmänner verfaßt und den deutschen Krieg hat geführt und verloren keineswegs General Ludendorff, sondern der jüdische, Reserveleutnant". Auch sagte ich, daß ein gekrümmter, buckliger Rücken schöner, erhabener wirke als ein gerader und stolzer, und daß ich selber, der ich hellblond war in meiner frühen Jugend, stets die Schwarzen um ihren Glanz und feurigen Blick beneidet habe. Wiederholt ging ich tief betrübt davon, und mein Schmerz ward nur dadurch gemildert, daß ich ja ein Soziologe, ein Kundiger in menschlichen Angelegenheiten bin. „Nur weiter sprechen, noch mehr," — so bat ich — „noch ein bißchen, und ich werde auf den Grund einer Erscheinung kommen, die mich seit Jahren beschäftigt." So, so ist auch der Anti-Antisemitismus, sind alle „Anti..." geboren. Wehe dem Besiegten, auch wenn er sich stolz ein Deutscher nennt, Ich kenne die Weise, seit Jahrhunderten trage ich den Schmerz. „Wenn ich den Spruch nicht kennte, der es stillt: Da jedes Bild, vor dem ihr fleht und fliehet, Durch euch so groß ist und durch euch so gilt......." Ewige Wiederkunft des Gleichen! Aber unser Gefühl, unser Erlebnis ist nicht das gleiche. Stets wird es aufs neue geboren, immer ist es ein anderes, ein einzigartiges. Und so versagt, je nach den Umständen, zu unserem Leid oder Glück, die Menschheitskunde, die Soziologie. Das Gefühl will nicht immer Schritt halten mit dem, was der Gedanke ihm vorzeichnet, es will sich nicht fügen unter das Joch des Gedemütigten und Besiegten und es wird zur Quelle neuer Möglichkeiten und neuen Lebens. Als ich nach Deutschland zurückkehrte, forschte ich und spähte nach, allen Seiten hin nach einem solchen neuen Gefühl. Hat sich so eine Quelle bereits aufgetan? Ich legte das Ohr dicht an den Boden und horchte. Aber kein lebendiges Rauschen ist zu vernehmen. Allenthalben im inwendigen Geistesleben herrschen noch die Gesetze vor, die die Kriegszeit erzwungen hat. Nicht Deutschland und erst recht nicht seine Gegner vermögen aus den Verkettungen und Verbindungen herauszutreten, in die sie der Moloch des Krieges verstrickt hat. Die Völker Europas sind immer noch von der Kriegs- Soziologie gefangen, von ihren Gefühlen belastet. Der Krieg als Äußerung Staats- und völkergeschichtlicher Gegensätze hat die Wesenheit herbeibeschworen, die auf dem Grunde der in Krieg geratenen Völkergeschichten ruht. Wie in Rußland den Skythen, in Frankreich den Gallier, so hat er in deutschen Landen den Teutonen zum Leben erweckt. Überall in Europa

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