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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 207

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Wiederkunft des Gleichen
Date
1921-01-01
Page
207 (sequence 2)
Language
German
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Wiederkunft des Gleichen 207 Gesicht, und Europa als lebendige Kulturgemeinschaft, selbst als hoher Gedanke, ist nicht mehr ausfindig zu machen. Sein humanitärer Cäsarentraum ist zerflossen, sein Stolz ist gebrochen und gedemütigt Schon in Budapest erlebte ich die Auferstehung des barbarischen Geschlechts der Hunnen. Wohl hat hier, wie in manchen anderen Orten, die Stunde der nationalen Sammlung und Befreiung geschlagen, aber der Name des Kossuth war nicht genannt. In Wien, in der verklärten und still gewordenen Stadt Wien, starrte mich das Gesicht eines gestorbenen Reiches an. Österreich, du warst wirklich nicht der schlechteste Gedanke Europas, wahrlich nicht! Daß du so kläglich enden mußtest! Wer hätte es vor einer, vor zwei Generationen auf sich genommen, dir so ein Schicksal zu künden? Tod ohne Frieden. Daß dir dies beschert sein konnte. Ruhe nun, schöner Kultur- und Staatengedanke, in Frieden! Ich gelangte nach Deutschland und behielt auch diese Rede in meinem Herzen. Ich sah den Totentanz und hörte die Hammerschläge, mit denen man den Sarg Europas zu fertigen pflegt. Das deutsche Land, einst und jetzt. Das hochgewachsene, stolze, sich genügende deutsche Land, das keinen Neid kannte und nie argwöhnisch war. Das Volk, dem die Welt die Reformation verdankt, das zuerst in neuen Zeiten Ernst mit einer wahrhaft weltlichen, humanitären Kultur, mit ihrem göttlichen Ethos zu machen begann. Was wäre selbst die englische Insel, der amerikanische Kontinent ohne den hohen Geist, den einst die Deutschen zeugten, die Deutschen, als sie den Teutonen in sich siegreich überwanden? Und selbst der deutsche Katholizismus mit seinem Ultramontanismus, seiner Volkstümlichkeit und vor allem mit seinem romantischen Ausfluß, an dem sich allenthalben ganze Kulturen entzündeten. Welches Land vermag dieser großangelegten Erscheinung Ebenbürtiges zur Seite zu stellen? Was den deutschen Stempel an seiner Stirn trug, war fruchtbringend und an Gestaltungskraft reich. Welches Judentum war während der letzten drei- bis vier Generationen so schaffensfroh, hat so hohe allgemeinmenschliche Werte erzeugt wie abermals das deutsche Judentum? Und jetzt vertauscht Hand und Fuß und Gesicht. Zuvörderst bewerkstelligten die Neider, die Fremden, die Feinde diese böse Arbeit. Ich hörte sie sprechen: Franzosen und Italiener und selbst Holländer und Skandinavier. Einst, als Deutschland noch nicht von außen bedrängt und dann im Innern durch sich selbst zerstört und besiegt war, urteilten sie ganz anders. Da war jeder zweite Deutsche ein Genie, ein Mustermensch, ein Abgott. Sie hegten zuversichtlich den Glauben an das volkstümlich gewordene Dichterwort: „Am deutschen Wesen wird die Welt genesen". Und jetzt — so hörte ich sie selber sprechen — jetzt scheint es: „Am Rhein, an der holländischen Grenze usw., da hört Europa auf, da hausen die Barbaren". Auch „radikal" gesinnte Leute gaben solches zum Besten. „Seht euch nur den Deutschen an, wie er sich bewegt, wie starr, wie er die Schultern trägt. Keine Dynamik, keine Krümmung — unbegabte Schultern". Und das sonnige Bild der Blondheit sei eintönig und wirke ermüdend, und Immanuel Kant sei kein Genie gewesen, und wenn er es war, so

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