Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Palästina im Rahmen des Nahen Orients
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Victor Jacobson: arabischen Stämme fühlt. Eine auf Gewalt aufgebaute, durch die Bajonette einer jüdischen Legion gestützte Politik wäre, auch wenn wir eigene oder fremde Bajonette zur Verfügung hätten und eine solche Politik führen wollten, schon deshalb ein unmögliches Beginnen, weil wir es eben nicht mit einem Häuflein wilder Räuber zu tun haben, auch nicht mit einigen Hunderttausenden palästinensischer Araber, sondern mit einer großen arabischen Nation, die eine solche „Politik" nicht dulden würde. Palästina kann und soll ein Nationalitätenstaat werden. Die beiden Nationen, die die Bevölkerung Palästinas bilden — Juden und Araber —, müssen dazu erzogen werden, in friedlicher Zusammenarbeit die gemeinsame Heimat zu einer Stätte der hohen Kultur, des großen wirtschaftlichen Aufschwungs, der besseren sozialen Einrichtungen, der freien politischen Formen zu machen. Ein jeder der beiden Bevölkerungsteile wird in der ungehinderten freien Entwicklung das für ihn Charakteristische in die Kultur des Landes hineinbringen, ein jeder Teil wird in dieser schöpferischen Arbeit in freier Konkurrenz suchen, die Gesamtkultur des Landes zu befruchten, ihr den Stempel seines Genius aufzudrücken. In diesem und nur in diesem Sinne ist das Wort: „Palästina so jüdisch wie England englisch" verständlich und berechtigt. Ebenso wie die Engländer, Schotten und Walliser Kelten, mit bedeutsamer Beteiligung der Iren, eine gemeinsame Kultur, die als e n g 1 is c h empfunden wird, geschaffen haben, werden die Juden und die Araber in Palästina Schöpfer einer gemeinsamen Kultur werden, und der jüdische Wunsch, dieser Kultur ein Maximum jüdischen Geistes einzuhauchen, bedeutet keine Verdrängung, ,keine Vergewaltigung, keine Unterjochung der Araber. Wenn es glücken sollte, nach Palästina in jahrelanger, mühevoller Arbeit viele Hunderttausende, ja einige Millionen Juden zu verpflanzen, dann würde dies bedeuten, daß es den Juden gelungen ist, die Aufnahmefähigkeit des Landes entsprechend zu vergrößern, d. h. seine natürlichen Reichtümer voll auszunutzen, neue Erwerbszweige zu schaffen, das Leben glücklicher und schöner zu gestalten. Das würde aber den Arabern ebenso wie den Juden zugute kommen. Diese Millionen Juden würden natürlich nicht ausschließlich in den engeren Grenzen Palästinas sich aufhalten, sondern eine Wanderung auch nach den übrigen Teilen des.Nahen Orients antreten. Sollten sie in Pialästina zu einer Majorität kommen, so würden ihnen schon ihre gutverstandenen Interessen es verbieten, die eventuelle arabische Minorität einem Regime der Minoritätenrechte unterwerfen zu wollen. Da sie dies für sich in den anderen arabischen Gebieten nicht haben möchten, würden sie auf das peinlichste dafür sorgen, daß in Palästina stets die volle bürgerliche, politische, religiöse und nationale Gleichheit und Gleichberechtigung herrscht. *t , Auf zwei Gebieten könnte die palästinensische Judenheit den übrigen Teilen der „Vereinigten Staaten des Nahen Orients" besonders wertvolle Dienste leisten: auf dem Gebiete des Wissens und der wirtschaftlichen und finanziellen Konsolidierung.