Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Palästina im Rahmen des Nahen Orients
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 201 (sequence 9)
- Language
- German
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Palästina im Rahmen des Nahen Orients 201 Die Juden sind natürliche Mittief zwischen dem Orient und der europäischamerikanischen Kulturwelt. Orientalen nach ihrer ganzen geistigen Anlage, sind sie in jahrhundertelanger Entwicklung mit der Kultur des Okzidents in intimste Beziehung getreten. Nicht um dem europäischamerikanischen Kapitalismus und Imperialismus Vorspanndienste zu leisten, kehren die Juden nach der alten Heimat zurück, sondern um in die Familie der Muts- und geistesverwandten orientalischen Völker wieder einzutreten und an der Wiedererrichtung der großen orientalischen Kultur mitzuarbeiten. Sie bringen diese zwiefache Natur mit sich: orientalische Grundlage und Durchdringung mit Traditionen des okzidentalen Denkens. Wie die Juden auf Grund ihrer orientalischen Natur im Okzident als an ders geartet von der Umwelt empfunden werden, kommen sie nach dem Orient nicht als hundertprozentige volle „Asiaten". Darin liegt die Schwäche, aber zugleich auch die Stärke der jüdischen Position. Daher erklären sich zum großen Teil die Schwierigkeien des gegenseitigen Verständnisses, die Unmöglichkeit der durch einen „Pakt" herbeigeführten Verständigung. Die nach Palästina heimkehrenden Juden werden der orientalischen Welt durch ihre modernen Kenntnisse Nutzen bringen, sie müssen aber auch in ehrlichem Bemühen diese Welt zu erkennen und zu verstehen suchen. Auf jede Weise müßte das geschehen. In der neuen geisteswissenschaftlichen Fakultät in Jerusalem z. B. müßte die Kunde des Orients, insbesondere des Nahen Orients, auf das gründlichste getrieben werden. Die Beziehungen zur europäischen und amerikanischen Finanz- und Bankwelt sollten es ermöglichen, daß mit der Zeit die notwendigen Kapitalien für den Aufbau des Nahen Orients durch die Vermittlung der Kreditinstitute des jüdischen nationalen Heims flüssig gemacht werden. Diese Kredit- und Finanzinstitute müßten zum Instrument der Anleiheplazierungen aller, Staaten des Nahen Orients werden. Wie weit auch im Augenblick die Wirklichkeit uns von der Erfüllung solcher Aufgaben trennt/— kein Einsichtiger wird die Erfüllbarkeit dieser heutigen „Träume** bezweifeln. Jedenfalls ist das der richtige, vielleicht der einzige Weg zu einer dauernden Verständigungspolitik gegenüber den Arabern und gegenüber der ganzen neuen Umwelt, in welche das jüdische Volk, als gleichberechtigtes Glied, eintreten will.