Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Palästina im Rahmen des Nahen Orients
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Victor Jacobson: Errichtung einer neuen Hauptstadt irgendwo in Kleinasien — Angora. Die führenden Männer, die sich um die türkisch-nationale Organisation „Türk Otschaghy", „Türk Jordu" (der türkische Herd, das türkische Zelt) gruppierten, hatten einen großen Einfluß auf die besseren Elemente der jungtürkischen Jugend ausgeübt, und eine gesunde nationale, zukünftsfrohe Bewegung schien in diesen Reihen zu keimen. Ob dieser Bewegung die junge werbende Kraft innewohnte, die stark genug wäre, die weitgehenden Pläne zu verwirklichen, braucht in diesem Zusammenhang nicht erörtert zu werden. Wichtig ist nur die Feststellung, daß diese zweite Richtung als die „neueste" oder die „jüngste" Türkei nach dem Kriege in heuer Frische auf dem Schauplatz der vorderasiatischen Geschichte sich siegreich behauptet hat und berufen ist, in dem Nahen Orient eine bedeutsame Rolle zu spielen. Wenn das neue türkische Reich sich stabilisiert haben wird, wird es genötigt sein, seine Auseinandersetzung mit dem im Kriege so grausam dezimierten armenischen Volke auf friedlicherem Wege und mit friedlicheren Methoden zu Ende zu führen, und auch die nationale Selbstbestimmung und nationale Renaissance der Kurden ist nur eine Frage der Zeit. So werden diese drei ethnischen Elemente in den nördlichen Gegenden der Levante, falls sie sich nicht in unendlichen Streitigkeiten und Kämpfen erschöpfen wollen, sich in einem wie immer auch gearteten System einer fester gefügten Verständigung und Vereinbarung zusammenfinden müssen. Die Vorteile eines föderierten politischen Gebildes liegen nahe. Sie allein versprechen diesen, seit Jahrhunderten durch ununterbrochene Mißwirtschaft geplagten, Völkerschaften dauernde Ruhe und friedliche Entwicklung. Es scheint, daß nur darin eine ernste und gereifte Staatskunst, auch bei dem weitaus stärkeren türkischen Element, dauernde Lösungen wir4 suchen müssen. Durch die türkischen Besitzungen in Europa werden diese Probleme mit dem Balkanproblem verbunden sein. Auf dem Balkan liegen aber die Dinge nicht anders. Die Jahrhunderte alten Kämpfe zwischen Türken und Christen, zwischen Griechen und Slawen, zwischen Slawen, Bulgaren und Serben unter sich, haben nach dem Kriege nicht einmal einen vorläufigen Abschluß gefunden. Es gärt dort nach wie vor, und Mazedonien und Thrazien und Albanien und Epirus sind ebenso viele ungelöste Probleme. Auch auf dem Balkan bietet die schon längst dort verkündete Lehre von einer „Föderation balcanique" scheinbar die beste, vielleicht die einzig mögliche Lösung, um aus dem Chaos und aus dem Vernichtungskampf zu einem planmäßigen Aufbau und zu einer glücklichen Entwicklung zu gelangen. Ob überhaupt und in welchen Formen der Zusammenhang zwischen den Balkanländern und den politischen Organismen in Anatolien hergestellt werden kann und hergestellt wird, ist heute nicht zu beantworten. Es sollte nur darauf hingewiesen werden, daß in diesen beiden Teilen der Levante die Entwicklung höchstwahrscheinlich in ähnlichen Bahnen vor sich gehen wird.