Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Palästina im Rahmen des Nahen Orients
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Palästina im Rahmen des Nahen Orients 195 Felsen oben ausgehauenen Inschriften bewundert, Zeugnisse alter Eroberungszüge von assyrischen und ägyptischen Königen, oder am Mischmar Hajarden die alte Brücke über den Jordan, die Djissr benoth Jacob („Brücke der Töchter Jacobs") sieht, so versteht man ohne weiteren Kommentar diese ganze Vergangenheit unseres Landes und schaut auch in die Zukunft voraus. Palästina ist ein integrierender Bestandteil dieses Länderkomplexes, und über seine Entwicklung darf man nicht nachdenken, ohne sich die Frage gestellt zu haben, was mit den anderen Teilen geschehen soll. Diese besondere geographische Lage hat die Vergangenheit Palästinas bestimmt, sie wird auch in hohem Maße die Zukunft Palästinas beeinflussen. Schon in der mykenischen Periode stand Palästina in regem Verkehr mit den Stätten der ägäischen Kultur. Die Entstehung und der Untergang des hethitischen Reiches hat auch das Schicksal Palästinas auf längere Zeitläufte gestaltet. Wie die ersten großen jüdischen politischen Denker und Schriftsteller, die jüdischen Propheten, sich stets mit der politischen Lage in den Nachbarländern zu beschäftigen gezwungen waren, um die politischen Notwendigkeiten ihres Vaterlandes zu erkennen, so müssen auch wir heute uns über diese Fragen in weiteren Zusammenhängen aufzuklären suchen. Nur um diese „Fragestellung" soll es sich in den vorliegenden Zeilen handeln, denn die erschöpfende Antwort erheischt tiefe, ins Detail gehende Studien und kann nur auf genauem und umfassendem Wissen aufgebaut werden. Vor einer zwiefach gestalteten Frage steht der Nahe Orient: vor der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen politischen Elementen, die jetzt — nach dem Zerfall des alten türkischen Reiches — in Umbildung begriffen sind, und vor einer engeren Auseinandersetzung zwischen verschiedenen arabischen Ländern. Die Politik der jungen Türkei hatte auf die imperialistischen Tendenzen des „Großtürken" keineswegs verzichtet. Der jungtürkische Imperialismus entwickelte sich in zwei Richtungen, entsprechend zwei verschiedenen Ideologien, die um die Seele der jungtürkischen führenden Menschen miteinander kämpften: der panislamischen und der panturanischen Richtung. Die eine war religiös-politisch orientiert und setzte sich die Vereinigung der gesamten islamischen Welt unter türkischer Führung zum Ziel, wobei dem großen arabischen Element naturgemäß eine ganz besondere Bedeutung zufallen sollte. Die andere nationalistisch- Politische Richtung träumte von einer Wiederaufrichtung und Verewigung aller mit den Türken nach Rasse verwandten Stämme — Aserbeidjan, kaukasische Tartaren, ehemalige tartarische Reiche in der Krim und in Kazan, die Reiche der Baschkiren und Kirgisen um Ufa und Orenourg bis weit in das Innere der sibirischen Provinzen Rußlands, bis ins ^Itaigebirge. Die zweite» Richtung wäre auch zu einem eventuellen Verzicht auf arabische und europäische Teile des alttürkischen Reiches bereit gewesen; jedenfalls predigte sie „Konzentrierung nach dem Osten" und 13*