Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Auch eine Geschichtskonstruktion
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 191 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau: Geschichte denzschrift lim Gegensatz zu PhÜippsons „sachlicher wissenschaftlicher" Arbeit hinstellt, wobei wir nebenbei gesagt, auch bei Dubnow keineswegs eine gewisse Tendenz in Einzelheiten, die an die sog. politische Geschichtsschreibung erinnert, leugnen. Aber Herrn Dr. Rieger handelt es sich in seinem Vorwort gar nicht um diese Detailfragen, er will vielmehr der nationalen Auffassung in Dubnows Werk mit einem wuchtigen Schlage den Garaus machen. Sehen wir zu, was* er uns zu künden hat. Zunächst wirft er Dubnow vor, daß er, obwohl ihm PhÜippsons Werk bekannt sein mußte, in dem Quellen- und Literaturverzeichnis es nicht erwähnt, und schließt aus diesem Totschweigen auf eine „unerfreuliche" (soll heißen unfreundliche) Absicht. Über diese Taktfrage mögen zwar die Ansichten auseinandergehen, aber es ist klar, daß der Hauptgrund für Dubnows Verhalten darin liegt, daß er die gleichen Quellen wie Ph. benutzte und eine besondere Erwähnung des Werkes für überflüssig hielt. Dann stellt Herr Dr. Rieger den Gegensatz zwischen dem Tendenzwerk Dubnows und der wissenschaftlichen Arbeit Philippsons fest, um „ dieser Tendenz gegenüber die tatsächlichen Voraussetzungen einer unparteiischen Darstellung der jüdischen Neuzeitgeschichte als Einführung in das folgende Buch kurz auszusprechen". ,,Die Geschichte des Judentums ist die Geschichte seiner geistigen Werte", denn die äußeren Geschehnisse, auf welche die Juden keinen Einfluß hätten üben können, seien nur ,,die wechselnden Hüllen um seinen geistigen Kern", so daß die politischen Ereignisse der jüdischen Geschichte nur in ihren Auswirkungen auf die geistigen Inhalte zu bewerten, die geistigen Tatsachen die eigentlichen und wesentlichen seien. Sehr wahr, so hat man, Gott sei's geklagt, vielfach jüdische Geschichte getrieben, und es ist höchste Zeit, daß man niit dieser Legende von dem Wesen der jüdischen Geschichte bricht. Zunächst muß nian sich über die einfachsten terminologischen Voraussetzungen klar werden. Ist jüdische Geschichte die Geschichte des Judentums, also einer Ideologie, oder ist sie Geschichte des jüdischen Volkes? Daß Rieger und Philippson nur diese letzte Version meinen, geht schon daraus hervor, daß von »»äußeren Geschehnissen der Geschichte des Judentums" oder von „politischen Ereignissen" die Rede ist. Solche Ausdrucksweise ist nur möglich, wenn man entweder seine Gedanken nicht richtig wiederzugeben weiß oder fürchtet, durch die zutreffende Bezeichnung der Dinge mit den Tendenzen, die man in die Gescnichte hineinlegt, in Widerspruch zu geraten. Es handelt sich in der Tat nicht um die Geschichte einer Idee, eines philosophischen Systems, eines religiösen Bekenntnisses, sondern auch in der Zeit des Exils um die Geschichte eines, allerdings zerstreuten, Volkes. Niemals wird man sie verstehn, wenn man lediglich auf die „geistigen Werte" den Blick richtet, sondern nur dann, wenn man die Äußerungen dieses Organismus nach drei Richtungen untersucht, nach der politischen, der sozialökonomischen und nationalkulturellen. Daß in der ersten der Jude mehr oder minder passiv bleibt, ist richtig, aber deshalb ist der politische Faktor doch nicht bloßer Rahmen. Wer die jüdische Geschichte kennt, der müßte eigentlich wissen, daß die oft engen Grenzen dieses Rahmens durch die Aktivität der Juden auf sozialökonomischem Gebiete ganz gewaltig erweitert wurden. Es ist deshalb durchaus einseitig, zu dekretieren, daß die Gleichberechtigung ausschließlich ein Sieg des modernen Rechtsstaates und der Widerstand gegen sie eineBegleiterscheinung des Widerstandes gegen den Rechtsstaat ist. Denn die Gleichberechtigung ist mehr als das bloße Ergebnis eines juristischen Kalküls oder staatsrechtlicher Erwägungen; _ sie ist letzten Grundes in seht weitem Maße die Auswirkung ökonomischer Entwicklungen, der sehr aktiven Rolle, zu der die Juden im Wirtschaftsleben gelangt sind, und die nicht durch die Grenzen der Rechtsnormen vorgezeichnet, vielmehr durch die eigene Aktivität bestimmt wurde. Wieder ein Beweis, wie weit noch die jüdische Geschichtsschreibung von der richtigen Wertung des sozialökonomischen Faktors entfernt ist. Auch die Schlußfolgerung, daß jeder Anerkennung der staatsbürgerlichen Gleichstellung das geistige Bestreben der Juden,... sich kulturell anzupassen, entspricht, daß dagegen der politischen Reaktion das Erstarken reaktionärer Stimmungen und Strömungen in der Judenheit folgt, bedarf hoch der Korrektur trotz eines gewissen richtigen Kernes. Denn es trifft zwar zu, daß diese Prozesse, über deren Bezeichnung noch ein Wort zu sagen sein wird, ziemlich parallel verlaufen, aber doch nicht ohneEinschränkung.. Denn z. B. gerade in die Zeit der stärksten Reaktion in Rußland unter Nikolaus I. fällt der Aufschwung der Haskalah. Der äußere. Prozeß beeinflußt zwar den inneren, aber ein bedingungsloses Abhängigkeitsverhältnis besteht in der von Rieger gewählten scharfen.