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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 190

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Auch eine Geschichtskonstruktion
Date
1921-01-01
Page
190 (sequence 2)
Language
German
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i90 Umschau: Geschichte „keine Religionsgemeinschaft, vielmehr ein Sondervolk" seien, hinzuzufügen: „So alt ist diese LügeJ" (S. 12.) Inder neuen Aufla'ge ist dieser Stoßseufzer unterblieben. Es heißt'nicht mehr, daß „der große Grundsatz völliger Gleichstellung der Juden" ausgesprochen war „zur Sühne der Schuld, die seit Kaiser Konstantin I. die christliche Staatskirche auf sich geladen hatte", sondern verständlicher, daß damit diese Schuld getilgt war. (S. 7.) Das Judentum ist den Männern des Kulturvereins nicht mehr, wie es früher hieß, „ein interessanter Kadaver" (S. 168), sondern „ein interessantes Fossil" (S. 175); bei dem Programm des Hamburger Tempelvereins ist nicht mehr von dem Ersatz des „abscheulichen polnischen Dialekts" durch die reine Aussprache des Hebräischen (S, 162) die Rede, sondern schlechtweg von dem „polnischen Dialekt" (S. 169); Redensarten wie „das spezifisch Orientalische und Mittelalterliche sollte abgestreift weiden", „die Juden sollten sich des knechtischen Schmutzes des Ghettos entledigen", (S. 120) sind gestrichen oder wenigstens durch gedämpftere Töne ersetzt worden (S. 125/6). Gleichwohl sind noch zahlreiche Irrtümer unverändert geblieben. Noch immer wird zur Kennzeichnung des Judentums der Männer des „Kulturvereins" gesagt, „daß Bendav,id den von den Juden angeblich erwarteten Messias in dem ,guten Fürsten*'findet, der ihn den übrigen Bürgfern gleichstellt und ihm die Hoffnung vergönnt, mit der völligen Erfüllung aller Bürgerpflichten auch alle Bürgerrechte zu erlangen" (S. iö8bezw. 175), was schwerlich jemand so ausdrücken könnte, dem bekannt ist, daß schon König Kyros als Messias bezeichnet wurde. Noch immer heißt es, daß Ludwig XVI. der erste christliche Monarch war, der grundsätzjich die Lage der Juden zu bessern unternahm, wie er 1784 durch Aufhebung des Leibzolls bewies (S. 4), während, wie S. 24 berichtet wird, das Toleranzedikt Kaiser Joseph II. aus dem Jahre 1781 stammt. Noch immer ist das Kapitel über Polen und Rußland unverändert geblieben, in dem u. a. mit soviel Rührung die Verfolgung der Subotniki „als eines der schmachvollsten Kapitel der russischen Geschichte" bezeichnet wird, wobe^, der Verfasser offenbar die Entstehungsgeschichte der Sekte gar nicht kennt, (S. 142), und die Zeit der Restauration und Reaktion, die bekanntlich auch mit dem Beginn der klassischen Haskalahperiode identisch ist, u, a. als ein Zeitalter „des geistigen Niedergangs*' charakterisiert ist. Über diese Entgleisungen, von denen wir nur eine kleine Auswahl zusammengestellt haben, würde man schon hinwegkommen, wenn nicht die besondere Einstellung des Historikers Philippson nicht allein beibehalten, sondern von dem Herausgeber der Neuauflage zum Gegenstande einer grundsätzlichen Erörterung gewählt worden wäre, die auf die landläufige Konstruktion der jüdischen Geschichte ein bezeichnendes Licht wirft. Es ist für einen jüdischen Historiker eine wirklich sonderbare Auffassung, wenn er immer wieder betonen zu müssen glaubt, daß die Gleichberechtigung der Juden beileibe nicht ein angeborenes Recht ist, sondern daß sie sich ihrer erst „würdig" zeigen und durch ihr Verhalten diesen Anspruch verdienen müßten (S. 30, 45, 64; 125/6, 135 usw.). Im Munde des Mannes, der die Vokabel „Judentag" erfunden oder erneuert hat, so daß man in manchen jüdischen Kreisen etwas „Nationales" dahinter witterte, eine immerhin eigenartige Ansicht. Wir verstehen aber schließlich die Philippsonsche Geschichtsschreibung, wenn wir uns ihr mehr oder minder eingestandenes Ziel klärmachen, das nämlich nicht in der Erkenntnis der Geschichtsvorgänge, sondern in dem Versuch zur Rechtfertigung der Assimilationsideologie besteht. Ohne weiter auf die Probleme der Geschichtsschreibung, insbesondere der Geschichtsmethode näher einzugehen, muß einmal festgestellt werden, daß die Betrachtung der jüdischen Geschichte, wie sie in weiten Kreisen auch der Vertreter der „Wissenschaft des Judentums" nach Graetz üblich geworden ist, jeden tieferen Einblick in die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge vermissen läßt und durch Hineintragen von Tagesströmungen zur Karikatur entstellt wird. Auch die „neueste Geschichte" kann nicht unter dem Gesichtspunkt der mehr oder minder geschickten Anpassung der Juden an die Umgebung betrachtet werden, weil diese nur eine Teilerscheinung darstellt. Es ist schon richtig, daß der Geschichtsschreiber, der die Dinge überschaut, die Geschehnisse nach bestimmten, aus den Vorgängen sich ergebenden, großen Gesichtspunkten orientieren muß, aber die werden dann jedenfalls vielfältiger und anders sein als die sehr äußerliche Betrachtung sub specie Emancipation und Assimilation. Von allen Geschichtsschreibern nach Graetz war D u b n o w der einzige, der nach diesem Grundsatz in großzügiger Weise verführ, und es ist barer Unsinn, wenn Herr Dr. Rieger dessen Werk als Ten- \ , i

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