Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Auch eine Geschichtskonstruktion
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 192 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Umschau: Geschichte ____o Formulierung nicht. Und was die Terminologie anlangt, so hat auch hier der „objektive Historiker" Rieger keine glückliche Hand gehabt. Warum behielt er nicht etwa die Dubnowsche Formulierung Emanzipation —, Reaktion, Assimilation — nationale Bewegung bei? Warum glaubte er von jüdischkultureller Reaktion oder jüdisch-kulturellem Liberalismus sprechen zu müssen? Einfach weil es ihm gar nicht um die Erkenntnis dieser Prozesse an sich tu tun ist, sondern, wie wir aus seinen späteren Ausführungen herauslesen können, um den Beweis der historischen Berechtigung des jüdischen Liberalismus gegenüber dem reaktionären jüdischen Nationalismus. Wahrlich eine armselige Geschichtsklitterung, die einem Problem wie dem jüdischen Nationalismus so absolut hilfdos gegenübersteht, daß sie zu seiner Kennzeichnung kein anderes Wort findet als den Schreckensruf des Philisters: Reaktion! ' Ungefähr auf dem gleichen Niveau bewegen sich die folgenden Sentenzen: „Eine Nachwirkung dieses bürgerlichen Antisemitismus }st das Aufflackern des jüdischen Nationalismus." „Die jüdisch-völkische Reaktion steht Sachlich und wissenschaftlich mit der neuentdeckten „deutschen Rasse" und den entsprechenden außerdeutschen Schöpfungen -auf einer Stufe. Sie entsprechen einander in Aufbau, Wirkung und Gegenwirkung." Herr Dr. Rieger sieht, daß in der zionistischen Partei anderwärts entlehnte Formen bisweilen wiederkehren, und deshalb ignoriert er die tieferen historischen Wurzeln der nationalen Bewegung, die weiter ins Erdreich des Judentums dringen, als der Herr Reformrabbiner sich •offenbar vorzustellen vermag. Schließlich sind Herrn Dr. Riegers so hochgepriesene „Stationen auf dem Wege der Rückkehr zum Judentum" (Verbände, Logen, Wissenschaft usw.) aus den gleichen psychologischen und Iiistorischen Quellen wie der Nationalismus gespeist und bisweilen von ihm nur graduell verschieden. Gleichwohl wird Herr Dr. Rieger leugnen, daß esTendenz ist, diese „Stationen" als Fortschritt, die nationale Bewegung als Reaktion anzusprechen. Mit besonderer Vehemenz bekämpft unser Historiker die jüdischen Autonomisten, Überhaupt jüdische Autonomie — so etwas hat es nie eigentlich gegeben, sie war im Grunde nichts anderes als die Folge der Gleichgültigkeit der christlichen Staaten gegenüber den inneren Angelegenheiten der Juden, ein „Zerrbild einer eigenen Verwaltung'\ Will Herr Dr. Rieger etwa Exilarchat, Gaonat, polnisch-litauische Autonomie auch nach diesem Rezept erklären? Wenn er diese und andere Erscheinungen des Autonomismus übersieht oder nicht weiß, daß die polnischlitauische Autonomie keineswegs der Indolenz der christlichen Gesellschaft, sondern u.a. der intensiven Mitwirkung des Staates Entstehung und Entwicklung verdankt, dann ist ihm als Historiker nicht zu helfen. Herr Dr. Rieger ist eben Liberaler bis auf die Knochen und betrachtet die Geschichte durch seine Parteibrille. Deshalb ist ihm jedes Argument zur Bekämpfung des Nationalismus recht, auch der Hinweis auf die Nüancierungen unter den Juden als Beweis gegen die „Einheitlichkeit" des jüdischen Volkes. Wenn vom deutschen Volke die Rede wäre, hätte er wohl solche Beweise nicht ernstlich anführen können, ohne sich lächerlich zu machen. Der Sinn, den Dr. Rieger der neuesten Geschichte des jüdischen Volkes unterlegt: — geschickte Anpassung an Staat und Gesellschaft, Sammlung und Sichtung der Geistesgüter, Schaffung der religiösen und kulturellen Organisationen, gesteigerte Energie in der Erkenntnis der zu verteidigenden Eigenwerte — genügte allenfalls für das Programm des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"; für geschichtsphilosophische Erkenntnis ist damit absolut nichts anzufangen. Aber vielleicht hat Herr Dr. Rieger gar nicht soweit gedacht, sondern wirklich nur eine Einführung in den Leitfaden einer jüdisch-liberal orientierten Geschichte schreiben wollen. Dann wären unsere kritischen Glossen überflüssig gewesen* Josef Meisl Druckfehlerberichtigung. In dem Aufsatz „Perez" in Heft 2 muß es richtig heißen: S. 91 Zeile 19 von oben: „nicht immer Beziehungsreiche ..." und Seite 93 Zeile 7 von unten: „des in unserer Erdenwelt. . ." Für die,Redaktion verantwortlich: Dr. Ernst Simon,;Frankfurt am Main Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Julius Beltz in Langensalza