Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Untergang der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 178 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101193-3107829--5928-3107893- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
178 Bemerkungen: Der Untergang der Assimilation letzten Stück seines Weges. Der Jude müsse ebenso arm am Geiste wie am Körper werden. Wir könnten nicht wissen, wozu das alles nötig war und ist, wir wüßten nur, daß „der Mensch im Judentum Bettler im Geiste wird; und strebt denn nicht die ganze Menschheit dem gleichen Ziele zu? . . . Ich glaube, die ganze Menschheit geht den gleichen Weg: von natürlicher Armut zur Anhäufung, und dann zur anderen, schon freiwilligen Armut." Das Judentum sei ein Vorläufer und Wegweiser dieses Weges. Die Willkürlichkeit des Gedankenganges Gerschensons ist um so deutlicher, als er selbst sich nicht sehr um eine genaue Beweisführung bemüht. Aus der Erkenntnis, daß die jüdische Geschichte keine Kette von Zufallen ist, folgt noch nicht, daß gerade der heutige Zustand und seine Auswirkung — die vollständige Auflösung, wirklich das letzte Ziel des jüdischen Volkswillens sei. Die Zerstreuung und die Assimilation könnten ebenso gut, oder vielmehr mit viel größerem Rechte, als wohl gesetzmäßige, aber vorübergehende, vorbereitende Episoden der jüdischen Geschichte angesehen werden. Unser heutiges Exil ist ja nicht das erste der jüdischen Geschichte, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß ein gebildeter Jude der babylonischen Zeit, ganz in das Leben des babylonischen Staates und der babylonischen Kultur eingestellt, über die Zukunft des jüdischen Volkes nicht viel anders dachte, als es heute Gerschenson tut, insbesondere zu der Zeit, als die einst mächtige Kultur, die ihn beherrschte, sich aufzulösen begann. Trotzdem fand das babylonische Exil mit der Rückkehr nach Palästina seinen Abschluß, oder, um in der Terminologie von Gerschenson zu bleiben, der jüdische Volkswille hielt eine territoriale und zwar palästinensische Konzentration für die Erfüllung seiner Aufgabe für nötig. Das Streben des Judentums nach Auflösung, nach Selbstverleugnung ist wohl nur dann aus seiner Geschichte abzuleiten, wenn man absichtlich die Augen verschließt vor der ungeheueren Tragweite des Zionsgedankens und Zionsgefühls und von dem ebenso ungeheuren jüdischen Willen zu territorialer Konzentration, als der einzigen Möglichkeit ruhiger und beständiger Schöpferarbeit, vor dem immer wieder aufkommenden Bewußtsein: diese Konzentration nirgends anders verwirklichen und sich diese Möglichkeit nirgends anders schaffen zu können als auf dem Boden von Erez Israel. Eine „Philosophie der jüdischen Geschichte", die behaupten würde, daß das jüdische Volk jede, auch die geringste, auch die scheinbarste und trügerischeste Gelegenheit immer ausgenützt habe, um Wurzel zu schlagen, um wieder vereint, ansässig und beständig leben und arbeiten zu können, daß aber jeder Versuch in diesem Sinne unvermeidlich mit Schmerz und Enttäuschung habe abschließen müssen, damit das Volk zu seinem Urlande zurückgeführt werden könne, diese Philosophie hätte jedenfalls den wirklichen, durch die geschichtliche Wahrheit beglaubigten Tendenzen der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart und folglich denen des jüdischen Volkswillens viel mehr entsprochen, als die Metaphysik der Zerstreuung, die Gerschenson aufstellt. Gerade die Art, wie er die zionistische Bewegung betrachtet — als einen positivistischen Versuch volksfremder Intellektueller, während sie in Wahrheit, bei allen ideologischen und taktischen Fehlern ihrer intellektuellen Führer, ein organischer Ausdruck der tiefsten Strömungen der jüdischen Geschichte und eine von religiösen Motiven stark beeinflußte ethische Wahlbewegung ist, die nunmehr auch das Recht hat, als eine Tatsache der jüdischen Geschichte bewertet zu werden, und folglich auch das Urteil über diese Geschichte beeinflussen muß; die Art, andererseits, wie Gerschenson -die Assimilation bewertet — als das letzte abschließende Stadium der jüdischen Geschichte, während sie in Wahrheit eine Episode ist, übrigens bei weitem nicht die erste und vielleicht auch nicht die letzte ihrer Art, die das jüdische Volk im Laufe von wenigen Jahrzehnten überwinden wird — beweist die Willkür und die grenzenlose Subjektivität seiner Ansichten. Diese Subjektivität ist die für uns vielleicht interessanteste Seite der Gerschensonschen „Metaphysik". Die „Schicksale des jüdischen. Volkes" knüpfen direkt an den„Briefwechsei