Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Untergang der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 179 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Der Untergang der Assimilation 179 aus zwei Winkeln" an. Der dekadent gestimmte „Antikulturismus", ist beiden Schriften gemeinsam. In unseren Tagen ist Gerschenson nicht der einzige, der den „Untergang" ankündigt; es berührt merkwürdig, wie wenig originell sein assimilatorischer Gedanke ist. Als im 19. Jahrhundert Europa des endgültigen Sieges seiner Kultur sicher war, da mußten die Juden an der Spitze des Triumphzuges schreiten. Der Weltkrieg unÜ seine Nachkrämpfe haben bei vielen das Gefühl des endgültigen kulturellen Zusammenbruchs hervorgerufen, und was bei anderen nur Untergang Europas oder des Abendlandes ist, das wird bei Gerschenson zum Untergang der Welt, dessen Wegweiser wiederum das Judentum ist. So ist es der ganze Inhalt und Sinn der jüdischen Geschichte geworden, der Welt zu zeigen, wie man zu vollständiger Leere, zur letzten geistigen Armut kommen kann und soll. Als Opfer der heutigen Krise fallen zuerst diejenigen, die irgend welchen locus minoris resistentiae in ihrem psychischen Organismus haben, die am wenigsten den festen Boden unter ihren Füßen fühlen, denen die Kulturwelt, die sie bis jetzt genährt hat und die für ruhige Zeiten genügte, in Wirklichkeit, im Ernst am wenigsten sagt, für die sie eine erlernte Weisheit ist, keine taugliche Waffe für katastrophale Zeiten. Wir haben ja gesehen, wie fest, trotz aller Prüfungen des Schicksals, sich Iwanow mit seiner Kultur,, der Kultur seiner Ahnen, die für ihn nicht nur statisch, sondern auch dynamisch ist, verwachsen fühlt und wie schwach ihm gegenüber Gerschenson dasteht. Wenn wir im „Briefwechsel" nur mehr oder weniger klare Andeutungen in bezug auf den jüdischen Ursprung dieser Schwäche sahen, so bekräftigen die „Schicksale" vollständig unsere Hypothese, denn sie stellen nichts anderes dar als das Projizieren des persönlichen Falles Gerschenson auf das Schicksal des ganzen jüdischen Volkes. So wie e r der Lebenslust und der Kulturenergie verlustig gegangen ist, so wähnt er dasselbe von seinem ganzen Volke. Es ist tief bezeichnend, daß er gerade jetzt zum ersten Male nach jahrzehntelangem Schaffen in fremdem Gebiete zu diesem Volke zurückkehrt, um sein persönliches Schicksal von ihm teilen zu lassen, mit ihm zusammen unterzugehen. Die persönliche Tragik jener Krise, welche die jüdische Assimilation in Gerschenson, einem ihrer aufrichtigsten und vollkommensten Vertreter, erlebt hat, verdient jede Ehrfurcht. Mehr oder weniger macht sie heute jeder von uns mit, auch Iwanow fühlt sich mitunter von ihr berührt. Das jüdische Volk aber, das in der Periode des Glanzes nicht Gerschensons Weg der Assimilation ging, ist auch heute, da dieser Weg ihn zum Abgrunde geführt hat, nicht gehalten, seine Sünden mit ihm zu büßen. Das letzte Wort der Assimilation — der persönlichen und der allgemein-jüdischen — ist in diesen zwei kleinen Broschüren ausgesprochen, und dieses Wort heißt: Untergang. Die Assimilation und das jüdische Volk sind aber nicht identisch. „Gott hat mich nicht nur erschaffen, sondern schafft mich fortwährend und wird noch schaffen. Weil sein Wille ist, daß ich ihn in mir auch in Zukunft schaffe, wie ich es bis jetzt getan habe . . . Das innere Gesetz der Liebe, das in uns aufgezeichnet ist, versichert uns, daß der alttestamentarische Psalmist recht sprach, als er zu Gott sprach: Du wirst meine Seele der Hölle nicht preisgeben und wirst deinen Heiligen nicht dieVerwesung schauen lassen." Diese Worte des Russen Iwanow sagen dem jüdischen Volkswillen viel mehr, als die Verwesungsprophetien des Juden Gerschenson, Moses Beilinson 12*