Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Untergang der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 177 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Der -Untergang der Assimilation 177 Einheit des Judentums in der Zerstreuung zu sichern. Ohne je halt zu machen, wachst das jüdische Volk immer mehr zu seiner Aufgabe heran, und in diesem Wachstum ist die Zerstreuung eine gesetzmäßige Etappe und das Martyrium eine gesetzmäßige Notwendigkeit „Ich sehe das Judentum in seiner langen Wanderung durch eine Leidenschaft beherrscht: sich von allem, was unabänderlich ist, loszusagen. Es scheint mir: alle andere Völker sammeln Schätze an, um durch schöpferische Ausnutzung dieser Schätze ihre Berufung zu erfüllen; das jüdische Volk strebte mit nicht geringerem Eifer die nationale Einheit, die Staatsmacht an, aber nur dazu, um in der zweiten Hälfte seines Lebens diese Weltketten von sich loszureißen, nur dazu, um etwas zu besitzen, was weggeworfen werden konnte. Es hat seinen Staat zerstört wie ein gereiftes Küchlein die Eischale zerbricht; es hat sich von seiner Erde losgerissen und wandert in der Welt, um heimlos zu leben: voll schmerzender Risse und blutender Wunden, die aber das Volk in seinem unstillbaren Wollen selbst bejaht hat. Es hat seine Einheit zerstört und sich in Splitter zerstreut. Es wollte keine eigenen Gesetze haben und nach den fremden Gesetzen leben; es hat sich dann auch von seinem kostbarsten Gute losgesagt, von der nationalen Sprache. Wie sehr bewußt lernte es die Kunst der Selbstverleugnung: man sollte nicht mehr die nationale Unabhängigkeit hochschätzen, sollte lernen, ohne sie zu leben, unter fremder Herrschaft; man sollte weder an einen Ort noch an eine Sprache gebunden sein, weil auch das ein Sklaventum dem Heische ist: zerteile dich und wandere! Du sollst nichts Ständiges auf der Erde haben, keine teuren Schätze; der Mensch kann ohne die irdischen Werkzeuge nicht auskommen — bei Dir sollen sie vorübergehend sein; lerne sie. wechseln, ohne mit der Seele an sie gebunden zu sein . . . Dem Juden ist fast nichts Ständiges geblieben; überall, wo die Juden wohnen, ist alles zeitweilig bei ihnen: Ansässigkeit, Sprache, Gesetz, Kleidung, Speise, Beschäftigungen, Interessen, Moden. . . Kein Haus haben sie, sondern Heft 3. ein Zelt, wie jemand, der zu seinem Ziele eilt und auf die Wegebequemlichkeiten nicht achtet... Die Landwirtschaft ist dem Juden durch seinen Volksgeist verboten, denn, in Erde verwurzelnd, verwächst der Mensch mit dem Boden und mit ständigen Lebensformen . . . Das Judentum ist antikulturell; es wandert unter den Völkern wie unheimliche Erinnerung und Prophetie: aus Erde bist du geschaffen und zur Erde wirst du zurückkehren. Die jüdische Ausschließlichkeit war für die Welt nur äußerer Anstrich, gehaßt hat sie am Judentum gerade sein Wesen, das durch diesen Anstrich sich äußerte, seinen Willen zur Selbstverleugnung, zur Unbeständigkeit. Das Judentum war keine Kleinigkeit für die Welt in diesen zwanzig Jahrhunderten: mit brennendem Interesse beobachteten es die Völker, und je mehr sie es ansahen, desto größer wurde ihre Angst und ihr Haß. In dem, was der Jude tut, verbirgt sich irgend eine ewige Wahrheit, aber was für eine schreckliche! Wozu erinnert er mich an sie? Sie tötet den Willen zu irdischem Aufbau. Wie kann er mit solcher Wahrheit in der Seele leben?! Er ist Auswurf der Vergangenheit, er schreckt unsere Kinder — schlage ihn, verfolge ihn, verschwinden soll er! Und der jüdische Wille wollte ja nur, daß die Juden verfolgt würden, Öfter, öfter! Deshalb bestand auch volle Harmonie zwischen dem Willen des jüdischen Volkes und seinem äußeren Schicksal. Die Welt meinte, daß sie Juden hinrichte; in Wirklichkeit hat sie ihnen gedient, wie sie jedem Willen dient." Bis zuletzt sei dem Juden aber, als Ersatz für die irdische Stätte, eine himmlische geblieben — die Thorah, das Gefühl der nationalen und religiösen Einheit. Nun sei die Stunde gekommen, da auch diese letzten Anhaltspunkte des jüdischen Körpers zerstört werden, denn auch sie seien Sklaventum für den jüdischen Geist, der die letzte, die vollständige Heimlosigkeit anstrebe. Die Assimilation sei keine zufällige Erscheinung, wie Zerstörung und Zerstreuung nicht zufällig waren, sie sei der Abschluß der jüdischen Geschichte. Das Judentum wolle seine letzte Freiheit und bewege sich heute auf dem 12