Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 175

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Der Untergang der Assimilation
Date
1921-01-01
Page
175 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101193-3107829--5925-3107890
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bemerkungen: Der Untergang der Assimilation *75 Monate nach dem „Briefwechsel" erschienen und „Die Schicksale des jüdischen Volkes", betitelt ist*1) Gerschenson erscheint hier als ein Epigone der Assimilation. Wie er sie beurteilt, haben wir gesehen; er gehört zu ihr durch sein jahrzehntelanges Wirken. Trotzdem bemüht er sich aber der Wahrheit unerschrocken ins Auge zu sehen und auch in der Beurteilung des Gegners eine gewisse Objektivität zu bewahren. Wenn er den Zionismus kritisiert (etwa die Hälfte der Broschüre ist dieser Kritik gewidmet), so schreibt er, in dem Bemühen, nicht mißverstanden zu werden: „Nach meinem persönlichen Gefühl bin ich kein Feind des Zionismus; im Gegenteil: er rührt mich durch seine Aufrichtigkeit, Begeisterung, unbeschränkte Ergebenheit dem Ideale . . . Man muß blind sein, um nicht zu sehen, von welchem Schmerz um das jüdische Volk, von welcher Ungeduld, es zum neuen Leben wiederzubeleben, diese Bewegung beseelt ist. . . Ich bin kein Fremder, kein Beobachter." Er erkennt auch den 'großen Sieg des zionistischen Gedankens an: „Die Assimilationsdoktrin, die Lehre von der religiösen oder geistig-kulturellen Mission des jüdischen Volkes hat ihr kurzes Leben abgeschlossen und zieht keine Anhänger mehr an. Alle sind durch die große zionistische Bewegung besiegt." Andererseits ist die Eigenschaft als Nation vorbehaltlos dem jüdischen Volke zuerkannt und somit jeder Begriffsstreit von Anfang an beseitigt. Wahrhaftig, nicht um Begriffe handelt es sich in dieser kleinen Schrift. Die Kritik, die Gerschenson am Zionismus übt, ist für uns am wenigsten interessant. Solche Kritik haben wir schon zu oft gehört. Ein ad hoc zusammengeschnittener Zionismus, der blind bei europäischen Völkern den territorialen Begriff der Nation entlehnt habe, deshalb oberflächlich, positivistisch, dem jüdischen Geiste fremd, der jüdischen Religiosität feindlich sei, der der Galuth-Vergangenheit des jüdischen Volkes verständnislos und Agierend gegenüberstehe, der einer eigenen Metaphysik der jüdischen Geschichte bar, x) Verlag „Epocha", Petersburg-Berlin, russisch. vor allem aber nationalistisch und deshalb ebenso sündhaft wie das ganze Europa des 19. und des 20. Jahrhunderts sei — dieses Bild ist in Wahrheit eine Karikatur der zionistischen Bewegung. In dieser Kritik, die, insoweit sie auf den tatsächlichen Inhalt der zionistischen Theorie beruht, absichtlich nur den primitiven Zionismus der ersten Jahre der politischen Bewegung in Betracht zieht, die die Zionisten als eine isolierte Gruppe volksfremder Intellektueller darstellt, welche nur deshalb Erfolg hatten, weil sie der Judenheit den leichtesten Weg zeigten, ist, wie in jeder Kritik, etwas Wahres, was der Zionismus wohl zu beachten hat, das meiste aber geht uns, nach der Entwicklung des zionistischen Gedankens in den letzten Jahrzehnten, nichts mehr an. Nur in einem Punkte unterscheidet sich Gerschenson von anderen Kritikern und den lohnt es hervorzuheben. Wenn Gerschenson den Zionismus der nationalistischen Tendenzen beschuldigt, so tut er das aus allgemein-menschlichen Gründen: „Der bewußte Nationalismus ist unvermeidlich grausam und immenschlich . . 1 Ich klage den Zionismus an, weil er das böse, verfluchte Prinzip des Nationalismus durch seine Anerkennung verstärkt. . Auch der jüdische Nationalismus wird über seine Reinheit wachen, wird voller Verdacht um sich schauen und Schlagbäume bauen." Im Gegensatz aber zu anderen Universalisten sagt er den Juden nicht mehr: wenn ihr in Zerstreuung bleibet und an der Vervollkommnung der Welt teilnehmt, wird auch eure Frage gelöst. Er hat offenbar diese Illusionen nicht mehr und sagt geradeaus: es geht euch schlecht, sehr schlecht, es wird aber noch schlimmer werden und so muß es sein. Und er bekämpft den Zionismus, weil „die Zionisten für das Judentum nicht ein individuelles hohes Schicksal, sondern schablonenmäßiges Wohlergehen wollen... Dank der Eigenartigkeit seines Gesichtes und seines Schicksals, ist das Judentum bis heute ein Aristokrat unter den Völkern; der Zionismus will aus ihm einen Kleinbürger machen, wie es alle anderen sind ... Das Judentum soll aber dem geheimnisvollen Rufe seines Geistes und nicht den faden Regeln der Vernunft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.