Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Untergang der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 174 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Bemerkungen: Der Untergang der Assimilation heit und Deutlichkeit er von sich fordert, desto tiefer in einen Konflikt, er wird desto unausweichlicher vor eine Wahl gestellt zwischen Umwelt und Innenwelt, zwischen der Welt der Eindrücke und der der Substanz, zwischen Atmosphäre und Blut, zwischen dem Gedächtnis seiner Lebensspanne und dem Gedächtnis der Jahrtausende..." Bewußt oder unbewußt befindet sich in diesem Konflikte auch Gerschenson, dessen Fall für uns um so größere Bedeutung bekommt, als, wie gesagt, er einer der wenigen russischjüdischen Schriftsteller ist, dem das Eindringen in die Seele des russischen Menschen, das Durchdringen mit russischen Werten nach allgemeinem Urteil vollkommen gelungen ist. Es hilft also nicht, sich mit größtmöglichem Fleiß und tiefstem Verständnis mit Tschaadew und den Dekabristen zu beschäftigen, es hilft also nicht, ein begeisterter Slawophile zu sein. Wenn ein Augenblick der Erschütterung kommt, so stellt sich doch heraus, daß Tschaadew und Puschkin wohl Ahnen von Iwanow, nicht aber von Gerschenson sind. 2. Ist der jüdische Akzent dieses Konfliktes nun wirklich Gerschenson nicht bewußt? In dem „Briefwechsel" ist jedenfalls keine Rede davon; auch in seiner vorhergehenden literarischen Tätigkeit ist mir, wie gesagt, kein nennenswerter Hinweis auf das Judentum begegnet. Und doch: „Die jüdische Grundlage ist unzerstörbar, durch keine Reagentien lösbar. Das jüdische Volk kann spurlos in der Welt zerrinnen. .. der Geist des Judentums wird davon nur noch fester werden. Ein jüdischer Feuilletönist aus Wien, ein Börsenmakler aus Petersburg, Jude, Kaufmann, Schauspieler, Professor, was haben sie mit Judentum gemeinsam, insbesondere in dritter oder vierter Generation der Apostasie? Es scheint, als ob sie bis zum Knochenmark mit kosmopolitischem Geiste oder, im besten Falle, mit dem Geiste der lokalen Kultur durchdrungen sind: sie glauben an die gleichen Dinge, sie lieben die gleichen Dinge wie die Anderen. Aber trösten Sie sich: sie lieben das Gleiche, aber nicht gleich. Sie entleihen fremden Glauben, Ideen, Geschmack, erstens weil dem Leben irgend ein Sinn doch gegeben sein muß, und sei es nur, indem man sich selbst durch angeblichen Sinn narrt; und zweitens, weil die Entblößung des jüdischen Geistes, die in ihnen angefangen hat, eine Mißgestalt für die Welt ist: die geistige Nacktheit muß in irgend einer Weise zugedeckt werden. Sie sind keine Betrüger. Umgekehrt, man kann nicht aufrichtiger und eifriger im Proselytismus sein. Sie sind wahrhaftig von dem leidenschaftlichen Wunsch beherrscht, an fremde Götter gleich unmittelbar glauben zu können, wie sie es bei den Einheimischen sehen, weil nur solcher Glaube, der automatisch das Bewußtsein richtet, dem Wirken den nötigen Ansporn gibt. Aber der Glaube ist wie ein Kind: mit ganzem Blute liebt ihn nur die Seele, die ihn mit Schmerzen geboren hat; für jede andere Seele ist er ein Wert, d. h. ein äußerer Gegenstand, der unvermeidlich einer Abschätzung unterliegt. Gerade so leben die Juden, die vom Judentum abgefallen sind. Sie strengen sich an, das lieb zu gewinnen, womit die Kulturwelt der Gegenwart lebt: positivistischen Glauben, Philosophie, Wissenschaft, Ästhetik, politische Demokratie und Sozialismus, sie machen den Anschein, als ob sie das alles schon liebten, wirklich liebten, und strengen sich an, sich selbst davon zu überzeugen. Aber es sind nur Pflegekinder, nicht Fleisch vom Fleische ihres Geistes. Leere ist im Herzen und zu große Klarheit im Kopfe. Hinter ihrer geräuschvollen Tätigkeit im fremden Milieu, hinter ihrer selbstsicheren und oft selbstzufriedenen Äußerlichkeit versteckt sich unbestimmte Unruhe; ihre rastlose Energie kommt nicht aus seelischer Fülle, sondern aus seelischem Hunger; sie sind von Furien gejagt, von unbewußter Angst der Leere." Dieses vernichtende Urteil über Assimilation ist nicht von einem Zionisten oder Nationaljuden gefällt, der dann der Schwarzseherei beschuldigt wäre; es ist ein Fazit des langen Arbeitslebens eines typischen Assimilationsjuden, der jahrzehntelang auf fremden Feldern, mit Fleiß, Arbeit und Ergebenheit, gewirkt und geschafft hat. Das Zitat ist einer Broschüre desselben M. O- Gerschenson entnommen, die einige