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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 173

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Der Untergang der Assimilation
Date
1921-01-01
Page
173 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen: Der Untergang der Assimilation 173 Vaters für uns beide eine Wohnstätte vorbereitet ist, obwohl hier, auf der Erde, jeder von uns hartnäckig in seinem Winkel sitzt und wir über die Kultur streiten1)." Wir haben es hier mit einem echten, ernst und aufrichtig eingestandenen Schmerz zu tun, der jede Ehrfurcht verdient. Wir werden auch die Geschmacklosigkeit nicht begehen, Gerschensons „fremdes Land" sofort mit Rußland, sein „Exil" mit unserem jüdischen Galuth gleich zu setzen; um ein anderes Exil handelt es sich hier. Und doch gibt es in diesem Streite so klare Andeutungen, selbst die Termini sind uns so bekannt, daß unwillkürlich der Verdacht entsteht: nostra res agiturl Steht vielleicht das metaphysische Exil Gerschensons im Zusammenhange mit seinem geschichtlichen? Zwei russische Schriftsteller stehen hier gegeneinander, scheinbar in gleicher Stellung — sie sind im gleichen Alter (beide um 50 herum), haben beide wahrscheinlich ein gleich intensives kulturelles Leben hinter sich, so daß von einer besonderen Last, die Gerschenson zu tragen hat, kaum gesprochen werden darf, sie gehören zum gleichen politischen und philosophischen Lager; ein gleiches furchtbares äußeres Erlebnis hat über sie seine donnernde und mahnende Stimme erschallen lassen — der Weltkrieg und die ihnen unverständliche Revolution, die ihr Land in den Abgrund gestürzt hat, traf sie beide gleich unvorbereitet. Trotz dieser Gleichheit der Stellung reagieren sie auf dieses Erlebnis grundverschieden: der eine, Iwanow, hält fest und unerschütterlich durch, der andere, Gerschenson, fühlt die Grundlagen seines ganzen bisherigen Lebens erschüttert und findet keinen Stützpunkt, außer der metaphysischen „Wohnstätte des Vaters", wo er und Iwanow sich wiederfinden werden. Weshalb gerade Gerschenson der Krise verfallen mußte, während Iwanow so monumen- *) Ich habe den Inhalt des Streites nicht erschöpft und nicht erschöpfen wollen, denn nicht dieser, sondern die gegenseitige Einstellung der Korrespondenten dem kulturellen roblem gegenüber schien mir zu meinem Zwecke wichtig. talisch, so sicher dasteht, das sagt uns keiner von den Korrespondenten. Der einzige Unterschied in ihrer Lage ist ihr Volkstum. Ist es nun wirklich nur ein Zufall, daß der selbstsichere Iwanow ein Russe und der „gedächtnismüde" Gerschenson ein Jude ist, und sollen wir nicht in diesem einzigen Unterschiede die Antwort auf die Frage suchen, weshalb gerade Gerschenson von der Krise getroffen wurde, wir, die wir wissen, daß die Überwindung des metaphysischen Exils nur auf dem Wege der Befreiung aus dem geschichtlichen möglich ist? Im Grunde handelt es sich darum, daß Iwanow diejenige Kultur, die das Objekt der Angriffe Gerschensons ist, als seine eigene, persönliche, erlebte Sache fühlt, als das ewige und lebendige Gedächtnis, das nicht nur überlieferte Werte, sondern auch lebendige Quellen für sein eigenes individuelles geistiges Wirken ist, während Gerschenson diese Kultur als etwas Totes und Tötendes, das nichts in seinem persönlichen Leben bedeuten kann, empfindet. Die europäische und speziell russische Kultur ist für den Russen etwas ihm sehr nahe Liegendes, von ihm tief Durchlebtes, in ihr hört er deutlich die Stimme seiner Ahnen, deshalb ist er so sicher, organisch, tiefverwurzelt. Für den Juden aber ist sie etwas Fremdes und Angelerntes; nicht seine Väter haben diese Werte geschaffen; deshalb genügt die soziale und politische Katastrophe, um die ganze Leere seines geistigen Daseins aufzudecken und in ihm die tragische Sehnsucht nach Freiheit von all diesem „Schutt", die Sehnsucht nach seinem eigenen persönlichen Leben wachzurufen. Die Korrespondenten selbst sind in Beschreibung der Krankheit von Gerschenson so genau, daß die Diagnose wie von selbst gestellt wird. Es ist dieselbe jüdische Krankheit, die Buber vor Jahren als den jüdischen Konflikt zwischen Blut und Umgebung charakterisiert hat: „Wo die natürliche objektive Situation des Einzelnen in seinem Verhältnis zum Volke gegeben ist, verläuft sein Leben in Harmonie und gesichertem Wachstum; wo sie nicht gegeben ist, gerät der Einzelne, je bewußter er ist, je ehrlicher er ist, je mehr Entschieden-

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