Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Untergang der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 172 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101193-3107829--5922-3107887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
172 Bemerkungen: Der Untergang der Assimilation als eine erdrückende Abstraktion; er träumt von der Möglichkeit, „die Erinnerung an alle diese Religionen und philosophischen Systeme, an alle Wissenschaften und Künste abzustreifen und nackt, wie der erste Mensch, wieder nackt, leicht und freudig zu werden". Er ist es müde, die Last des tötenden Wissens zu tragen, müde der Erbschaft der Vergangenheit; die Erfahrung der Generationen sagt ihm nichts mehr, es dürstet ihn nach eigener Erfahrung und nur noch nach dieser, nach geistiger Freiheit, nach Geistesfrische. Umsonst verteidigt Iwanow mit verschiedenen Argumenten die angegriffene Kultur, umsonst versichert er Gerschenson, daß „die Kultur, in ihrem wahren Sinne, kein Feld von Ruinen ist. Sie hat etwas wirklich Heiliges: sie ist Gedächtnis nicht nur des vergänglichen und äußeren Gesichtes der Väter, sondern auch der Initiationen (Einweihungen), die von ihnen errungen wurden. Das lebendige, ewige Gedächtnis, das in denjenigen nicht abstirbt, die an diese Initiationen sich anschließen! ... In diesem Sinne ist die Kultur nicht nur statisch, sondern auch dynamisch. Weil das Gedächtnis, das sie beherrscht, seinen wahren Dienern die Initiationen der Väter einverleibt und, in ihnen diese erneuend, ihnen die Kraft für neue Empfängnisse, für neue Anfänge gibt." Gerschenson sagt offen, daß er dieses Gedächtnis nicht fühlt. „Offenbarungen der Wahrheit, die den Vätern zuteil wurden, sind Mumien, Fetische geworden und bohren sich nicht mehr in die Seele hinein als gütig-zerstörende und befruchtende Ladung, sondern verschütten sie von oben mit Granitklumpen und mit Schutt der zerfallenen Ideen .. . Die Initiationen der Väter sind versteinert, sie sind tyrannische Werte geworden ..." Er, der sein Gedächtnis verloren hat, wirft Iwanow die „Pietät eines Sohnes für die Geschichte" vor, während der ihm offen heraus sagt: „Wer kein Gedächtnis für Verwandtschaft hat, ist ein flüchtender oder freigelassener Sklave, kein in Freiheit Geborener. Die Kultur ist Kultus der Ahnen und Wiedererstehen der Väter." Wie in Gerschenson diese Krise zustande gekommen ist, weiß er nicht zu erklären; Iwanow bezeichnet sie als Decadence und schilt „das erstorbene Gedächtnis, das seine Initiativwirkung verloren hat, das an die Initiationen der Väter sich anzuschließen nicht mehr vermag". Am klarsten wird der seelische Zustand Gerschensons aus seinem letzten Briefe, der den Briefwechsel abschließt: „Ich lebe ein seltsames, zersplittertes Dasein. Von Kindheit an der europäischen Kultur nahe, habe ich mich tief mit ihrem Geiste durchdrungen und nicht nur fühle ich mich in ihr heimisch, sondern ich liebe aufrichtig vieles in ihr . .. Ich bin heimisch im kulturellen Milieu, lebhaft diskutiere ich mit Freunden über kulturelle Themen, fühle wirkliches Interesse an diesen Themen und an den Methoden ihrer Behandlung. Hier bin ich mit Ihnen einig: wir haben gemeinsamen Kultus des geistigen Dienstes, gemeinsame Gewohnheiten und gemeinsame Sprache. Das ist mein Tagesleben. Aber in der Tiefe des Bewußtseins lebe ich ein anderes Dasein. Seit Jahren spricht in mir, beharrlich und unaufhörlich, geheimnisvolle Stimme: es ist nicht das, nicht das! Irgend ein anderer Wille in mir wendet sich mit Sehnsucht von der Kultur, von alledem, was rings um mich getan und gesprochen wird, ab. Er langweilt sich, er hat das alles, wie einen Kampf der Gespenster, die in der Wüste herumirren, nicht nötig; er kennt die andere Welt, zieht nun die andere Welt vor... Diese Stimme erkenne ich als die Stimme meines echten „Ich". Ich lebe wie ein Fremdling, der in fremdem Lände sich heimisch gemacht hat; bin von Eingeborenen geliebt, ich liebe sie selbst, ich arbeite für ihr Wohl, leide durch ihre Leiden, freue mich ihrer Freuden, ich erkenne mich aber als Fremden, im geheimen trauere ich um Felder meiner Heimat. . . Wo ist meine Heimat? Ich werde sie nicht sehen, ich werde im fremden Lande sterben. Es gibt Augenblicke, wo ich so leidenschaftlich mich nach ihr sehne! .. Sie, mein Freund, Sie sind in der Heimat; Ihr Herz ist dort, wo Ihr Haus steht, Ihr Himmel ist über dieser Erde. Ihr Geist ist nicht zersplittert, und diese Ganzheit entzückt mich, weil auch sie die Blüte jenes Landes ist, unserer gemeinsamen Heimat. Und deshalb glaube ich, daß im Hause des