Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Untergang der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 171 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN DER UNTERGANG DER ASSIMILATION i. Im Sommer 1920 hielten sich zwei russische Schriftsteller, die infolge ihres Temperaments und ihrer politischen und sozialen Überzeugungen der Oktoberrevolution fremd geblieben waren, in einem Zimmer des Moskauer Sanatoriums „für Arbeiter der Wissenschaft und Literatur" auf und diskutierten lange und häufig miteinander; schließlich traten sie trotz der räumlichen Nähe in eine Korrespondenz ein. Sie sprachen und arbeiteten weiter zusammen, aber da es um ernste und wirklich erlebte Dinge ging, war der Briefwechsel fruchtbarer. So ist ein eigentümliches kleines Buch zustande gekommen: ,, Briefwechsel aus zwei Winkeln"1). Die Korrespondenten sind: Wiatscheslaw Iwanow, einer der bedeutendesten russischen Poeten der Gegenwart, der gerne als ein „Dichter-Philosoph" bezeichnet wird, und M. 0. Gerschenson, russischer Publizist jüdischer Abstammung, einer der besten (und gegenwärtig vielleicht sogar der beste) Kenner der russischen Geistesgeschichte des beginnenden 19. Jahrhunderts, der in seinen, teilweise grundlegenden, Arbeiten über Tschaadaew, die Dekabristen und die Zeit Puschkins ein tiefes Verständnis für die Seele des russischen Intellektuellen vor 100 Jahren gezeigt hat. Im gegenwärtigen russischen Leben steht er, wie übrigens auch Iwanow, auf dem rechtsliberalen Flügel, als Philosoph ist er Neukantianer, und, was ihn am meisten charakterisiert, ein leidenschaftlicher Verfechter der slawophilen Strömung. Er ist *ft einem fromm-jüdischen Hause geboren und genoß eine immerhin jüdische Erziehung; in seinen Schriften war aber bis l) Verlag „Ogonki", Moskau-Berlin (1922) russisch. zuletzt (wenigstens meines Wissens, mir sind nicht alle seine Schriften bekannt) vom Judentum niemals die Rede. Eine grenzenlose Anhänglichkeit an russische Kultur, eine geradezu überraschende Fähigkeit des Sich- Durchdringens mit ihren Werten beherrschte sein Wirken. Wohl hat er 1917 ein kurzes Vorwort für die Anthologie der hebräischen Dichter in russischer Übersetzung geschrieben, in dem er seiner Verwunderung über das unerwartete Aufblühen der jüdischen schöpferischen Kraft, die schon verdorrt schien, Ausdruck gab — das ist aber alles. Wir haben es somit mit einem vollkommenen Assimilationsjuden zu tun, aber mit einem vom reinsten aufrichtigsten Typus. Iwanow und Gerschenson streiten über die Bedeutung und die Rolle der Kultur, nicht in bezug auf ihre äußere Auswirkung, sondern ihren Wert als inneres Erlebnis betreffend. Ein Streit, der im gegenwärtigen Rußland, noch dazu bei der politischen Einstellung der beiden Schriftsteller, von höchster Aktualität sein muß. Beide Korrespondenten haben sich offenbar dieselbe Frage gestellt: hat es gelohnt, so viel nachzudenken, zu kämpfen, zu leiden, um dann zusehen zu müssen, wie die kulturellen Werte, die die höchsten Errungenschaften des menschlichen Geistes und Herzens zu sein schienen, wie Kartenhäuschen zusammenbrachen und als unnötiger alter Kram weggeworfen wurden? Die Antworten der beiden sind unüberbrückbar gegensätzlich: während Iwanow ganz sicher, tief verwurzelt, wie aus einem Guß ist und im Gefühl der Unzertrennbarkeit der kulturellen Werte mit seinem inneren Wesen, mit einem klaren unzweideutigen Jal antwortet, ist Gerschenson zuerst unbestimmt, um. dann zu einem ebenso unzweideutigen Neinl zu kommen. Was die Menschheit bis jetzt eroberte, was er, Gerschenson, bis zu dem Augenblick der letzten Krise, scheinbar so tief und so wahrhaftig empfunden, das ist für ihn heute nichts