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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 169

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
169 (sequence 12)
Language
German
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Auszug Mitteln, einfachen Linien und kargen Farben gibt er das bessarabische Land, wie es „an sich" ist: mitten in der Trunkenheit und Fülle zugleich nüchtern, fernst und düster. Weshalb können die Söhne dieses Landes sich nicht an ihrem starken Wein berauschen? Die Einheimischen erklärten es mir: der Mais, die „Mamalyga" sei Schuld daran. Ach, ich bin beinahe bereit, noch einmal nachts über den Dnjester zu gehen, um nur das hellgoldige bessarabische Land wiederzuschauen und seinen starken Wein zu kosten, der nicht trunken macht. Da würde ich dann der Familie Schmidt, der die Stadt Kischinew ihre Wasserleitung, die Verkehrsverbindungen und andere Zivilisationswerke verdankt, in ihrem Hause einen Besuch abstatten, wo wir so oft ein echtes Stück Puschkinkultur genossen haben. Da ginge ich auch nicht an Tovias Kogan und seiner Familie vorbei, die es während zweier voller Monate verstanden.hat, uns in Freiheit Gastfreundschaft zu bieten. Wir begannen zu vergessen, daß ,,wir Sklaven waren im Lande Ägypten*und am Ende legte ich, dank der Liebenswürdigkeit des Ministers von Bessarabien, Nizza, die Emigrantentracht ganz ab. Wir wurden nämlich mit Papieren des rumänischen Staates versehen und konnten endlich von dannen ziehen. Russen, Ukrainer, Juden, Moldauer, Deutsche, Armenier, Bulgaren, Zigeuner, du ganzes buntes Geschlecht von Bessarabien, lebe wohl und habe Dank! Wir fahren nach Bukarest und noch weiter. Manchen von euch sehen wir vielleicht einmal wieder in Moskau oder in Jerusalem, sicherlich aber in der deutschen Stadt Berlin. In Bukarest hielt ich mich einige Tage auf. Ich sah natürlich die paar Pazifisten und „Tolsto janer", die jede Hauptstadt Europas in ihren Mauern birgt. Es war aber leicht herauszufühlen, daß das Überbleibsel einer bereits in die Brüche gegangenen Humanitätsepoche sind. Stürme einer neuen Zeit, die ihren Weg noch nicht gefunden hat, sind vom weiten Westen hierher gelangt. Die historischen Radaumacher von gestern standen noch alle auf dem Plane und sonnten sich in den Erinnerungen an ihre Taten. Rumänien selbst gebärdet sich wie ein glücklicher Erbe. Wie überall im gesamten Bereiche europäischer Gesittung fälschte man auch hier die Kultur durch geschichtliche Ambitionen. Man eroberte ein Stück österreichischer Geschichte, ohne den Willen, auch die dazu gehörende Kultur sich aneignen zu wollen. So traf ich einmal beim rumänischen Soziologen Professor Gusti, einem Zögling deutscher Wissenschaft, den hervorragenden -Juristen und früheren Lehrer an der Czernowitzer Universität, Professor Ehrlich, dem selbst die persönlichen Bemühungen des Königs keinen Lehrstuhl an der Universität verschaffen konnten. Wissenschaftliche Originalität, echte deutsche Kultur und jüdische Rasse, diese dreifache Belastung deklassierte den ehrwürdigen Mann auf das gründlichste. Was sich historischer Barbarismus gegenüber der gedemütigten Bildung nur alles zu erhüben wagt! Damals war ich aufgebracht, jetzt aber rege ich mich flicht mehr auf. Die geschminkte Jungfrau Europa zieht zur Zeit

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