Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 168 (sequence 11)
- Language
- German
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x68 David Ko igen: denzen, den Unterhalt öffentlich anerkannter hebräischer Gymnasien. Und so ist es gekommen, daß das im Hebräischen zurückgekommene Judentum Bessarabiens es mit ansehen muß, wie seine Jugend sich hebräisch zu verständigen beginnt. Es ist so: zurzeit ist der rumänische Staat der judenfreundlichste Staat Europas. Tempora mutantur! Die Geschichte stellt Experimente an. Gleich anderen Mythen, Legenden ünd Sprachen, die Jahrtausende lang verschüttet, verborgen lagen, sucht sie nun auch das Hebräertum ans Tageslicht zu fördern. Ihr Tun ist ja vornehmlich ein Vorgang romantischer Art. In allen Völkern, die früher im russischen Reiche aufgelöst und ihm'zugeordnet waren, feiern längst vergessene Mundarten ihre Auferstehung. An welchen Tatbestand ist die Erweckung des Toten zu neuem Leben gebunden? Man muß einen Blick hinter die Kulissen der geschichtlichen Bildungen tun. Geschieht all dies bloß auf Geheiß der historischen Stunde, verdankt es historischen Umstellungen und Kaprizen seinen derzeitigen Bestand, so liegt wahrlich kein Grund vor, noch frohlockend in die Hände zu schlagen und fröhliche Lieder anzustimmen. Eine solche Bewandtnis hat es beispielsweise mit der litauischen und vielleicht auch mit der lettischen Sprache. Gehört das hebräische Bildungswesen auch der Kategorie „historischer** Taten an oder ist es die reife Frucht einer autochthon gewachsenen Kultur? Ist das zweite der Fall, so kann man getrost sagen: kein Sturm wird von nun an die Macht besitzen, an ihr zu rütteln, und keine Gewitterwolken werden ihr die Sonne verdecken. Die Geschichte samt ihren Kriegen, Revolutionen und politisch-wirtschaftlichen Umstellungen gibt uns Rätsel auf. Ich wähnte die Historie hier, auf dem anderen Ufer des Dnjestr, los werden zu können, aber schon geriet ich wieder in ihren Bann. Ich nahm mir nun vor, so rasch wie möglich nach Europa vorzudringen, in der stillen Hoffnung, daß es vielleicht dem westlichen Menschen bereits gelungen sei, die von der Geschichte entfachten Leidenschaften ünd Mächte durch das Ethos seiner angestammten Kultur zu binden und zu beruhigen. Von dieser Hoffnung erfaßt, suchte ich, möglichst eilig aus Bessarabien fortzukommen. Inzwischen war der Frühling gekommen. Nun fiel es einem noch schwerer, sich von der goldigen Luft und den Wein trinkenden ujid immer nüchtern bleibenden Menschen Bessarabiens zu trennen. Auch wir aßen Nüsse, tranken Wein und waren allmählich von einem Freundeskreis umwachsen. Ich gedenke dabei insbesondere des Malers Schneur Kopan. Er ist berühmt und anerkannt, seine Bilder füllen die Wände in den verschonten russisch-moldauischen Adelssalons. Aber er ist, mehr als nur eine merkwürdige Erscheinung, dieser einsame MeisterJ Im Grunde ein Maler deutscher Kunsttradition — er ist ein Zögling der Münchener Akademie der Künste —, mit einer russischen Seele und einer ungestillten Sehnsucht nach einem jüdischen Jerusalem. Und dabei ein Schöpfer der bessarabischen Luft, der bessarabischen Häuser, der Weinstöcke, Menschen und Maisfelder. Mit ganz wenigen