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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 170

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
170 (sequence 13)
Language
German
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170 D a t i d Koigen: Auszug allenthalben südamerikanische Tänze den Oratorien von Sebastian Bach vor. So hat es die Mode entschieden. Über das rumänische Volkstum vermag ich nichts zu berichten. Ich bin nicht in seine Musik eingedrungen und habe es nicht beobachten können, wie es liebt und schafft und wie es — den Fremdling behandelt. Gerade das letzte ist ja für jede, wirklich eindringende, soziologische Erkenntnis .eines Nationalcharakters höchst lehrreich und eigentlich unentbehrlich. Aber ein Curiosum Judaicum, das die rumänischen Juden ebenso wie die Allerweltszionisten charakterisiert, möchte ich doch verzeichnen, bevor ich die heitere Stadt Bukarest wieder verlasse. Ich fand dort eine in rumänischer Sprache erscheinende, ausschließlich der nationalen Wiedergeburt des Judentums und der palästinensischen Sache gewidmete Zeitung, die von zwei Christen verfaßt und redigiert wird. Die Redakteure sind rumänischer Rasse und von russischer Bildung; sie fühlen in sich das Verlangen, dem universellen Geist des Judentums zu dienen. Nun glaubte ich, daß es hohe Zeit sei, den Wanderstab bei Seite zu legen. Ich löste mich völlig aus dem. Kreise der Emigranten — ein sozialer Akt, der große Anstrengungen kostete. Stets fällt es schwer, den sozialen Wirkungskreis, der einem umklammert hält, zu durchbrechen. Nun galt es, auch den geistigen Kreis zu verlassen, der eine Zeit lang unser Schicksal in sich geborgen hatte. Wir haben das Glück so oft versucht — und es hat Stand gehalten, aber es hat auch seinerseits Forderungen an uns gestellt. Doch damit genug! Selbst den Bogen des eigenen Geschicks darf man nicht überspannen. Die gefahrvolle Fahrt liegt weit hinter mir. Die Wolken haben sich zerstreut, und mir bleibt die Erinnerung an schöne und erhabene Menschenlande zurück, die ich das Glück hatte, von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Mitten in den hügeligen Feldern Podoliens, als wir ganz vom Schneewirbel umbraust waren, sagte unser achtjähriger tapferer Mitgefährte Georg zu mir: „Wer gut laufen kann, dem ist die schöne Gotteswelt offen." Gelobt sei denn der große Geist der Zeiten, der mich dieses Gesichtes für würdig hielt. Einmal ist jede Wüste zu Ende, und an ihrem Rande schimmert und leuchtet das Gelobte Land.

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