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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 167

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
167 (sequence 10)
Language
German
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Auszug 167 sehen Wein etwas gemildert worden waren. „Mit der Lyra des Nordens habe ich hier die Lüfte furchtbar bewegt/' Dieser Vers ist auf dem Denkmal zu lesen, das die Stadt Kischineff Puschkin zu Ehren errichtet hat. Jetzt sitzen hier die Überbleibsel des russischen Adels und der russischen Intelligenz, die noch heute das Russenland durch die Brille Puschkins beschauen. Die Kischinewer erlebten Weltkrieg und Revolution bloß in der Phantasie. Die bewegte Zeit schärfte lediglich ihr Gefühl für einen lokalen, bessarabischen Patriotismus, und immer noch schwankt ihr Wille zum Staat zwischen dem russischen Imperium und dem rumänischen Königreich. Typische russische Intelligenz von vorgestern, bewegt von den Problemen Tschechowscher Helden: „Onkelchen Wanja, was wird sein mit dem Menschengeschlecht nach tausend Jahren?" Der Wein, den sie mit Grazie zu genießen verstehen, macht sie nicht heiter. Keinen beflügelt der Wein von Bessarabien, — ein Rätsel, das mir niemand zu lösen vermochte. Sie sitzen alle hier hinter Weinstöcken, und die Neueren unter ihnen, die es nicht wagen in den Sold des Staates zu treten, errichten Brennereien, Ziegeleien und andere industrielle Unternehmungen. Ich war oft ihr Gast, und mancher von ihnen war so liebenswürdig, mir bei meinen Vorlesungen und Zyklen aufmerksam zu lauschen, die ich über den Zusammenbruch des russischen Staates und den Zerfall der russischen Persönlichkeit sowie als „Einführung in die Moral Wissenschaft" im Gebäude des Kischinewer Magistrats hielt. Ich fand unter ihnen nicht nur gebildete, sondern auch gelehrte Männer. Unsere Gespräche mit dem bejahrten russischen Herren M„ der in jüngeren Jahren Gymnasiallehrer gewesen war und später Finanzier wurde, werden mir stets in Erinnerung bleiben. Wir diskutierten über die „Schemata" bei Piaton und ihren Auswirkungen in Logik und Mathematik. Es ist viel echte Bildung angehäuft in der bessarabischrussischen Intelligenz, die jedoch zurzeit leider brach liegt. Ein früherer Abgeordneter der Reichsduma gab mir ein Wort einer bekannten englischen Persönlichkeit wieder, der er seine Sorgen über den Niedergang des russischen Bildungswesens im rumänischen Bessarabien vorgetragen hatte: „Ihr Russen seid ein merkwürdiges Volk! Meine Heimatstadt in England, die größer ist als Kischinew, verfügte nie über die Hälfte der Bildungsanstalten, die euch zu Gebote stehn. Weshalb lagt ihr denn ständig in Fehde mit eurem alten zaristischen Staat?" Der Engländer wußte allerdings nicht, daß das Bildungswesen trotz dem Zarismus in Aufstieg begriffen war. Jetzt allerdings haben die Bessarabier keine öffentlich anerkannten russischen Schulen. Der rumänische Staat, der seiner Bevölkerung den Bolschewismus erspart hat, verlangt von seinen Schützlingen, daß sie die Landessprache gebrauchen. Das Problem liegt hier ähnlich wie auch sonst in Süd- und Mitteleuropa. Bloß die national-gesinnten Juden haben, ohne noch ihr Glück zu begreifen, durch die neue Situation gewonnen: vorläufig wenigstens erlaubt ihnen der rumänische Staat, aus Widerwillen gegen die Russifizierungsten-

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