Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 166 (sequence 9)
- Language
- German
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i66 D arid K o i gen: Chiczinau umgetauft ist. Wir, nicht geborene Bessarabier, wagten nicht, uns einer Begegnung mit der „Sguranza" auf geradem Wege auszusetzen. Wir machten daher einen großen Bogen und fuhren in entgegengesetzter Richtung nach der Kreisstadt Balti (Bjelzy). Diesmal ging es auch in Schlitten, die Raben gaben uns das Geleit. An sieben Bergen mußten wir vorbeifahren. Im ersten besten, uns völlig unbekannten, jüdischen Haus stiegen wir ab. Man empfing uns wie alte Freunde. Abends holte uns der bekannte Arzt West ermann ab, der uns für eine Woche seine Gastfreundschaft anbot* Nun tranken auch wir Wein und aßen Nüsse. Wir bewegten uns freier. Es gelang mir selbst die Lager zu besichtigen, wo die Emigranten unter Schloß und Riegel sitzen. Ich finde hier junge Leute, die eine meiner Jugendarbeiten, „Die Weltanschauung des Sozialismus", in russischer Sprache „studiert" haben. Sie verlangen von mir, dem Rechtlosen, rechtliche Hilfe. Die Juden, in Zünfte eingeteilt, die1 Schneiderzunft, Schusterzunft u. a. Handwerkerzünfte, versorgen die Verhafteten mit Essen. „ Jüden, bnei rachmanim" — „Juden, Kinder der Barmherzigen". Und der rumänische Staat, auf den in aller Welt so heftig geschimpft wurde, stellte sich als der zurzeit judenfreundlichste Staat im Bereiche des gesamten zivilisierten Europas heraus1). Meines Wissens wurde noch keiner der Flüchtlinge bewußt von der Behörde ans andere Ufer zurückgebracht. Es gilt der Grundsatz: leben und leben lassen. Die Regeln des öffentlichen Anstands in der politisch-rechtlichen Sphäre haben Geltung. Die löbliche Polizei faßt einen auch hier, wie es ja auch sonst im alten, vorkriegerischen Europa üblich war, mitunter etwas hart an, setzt auch nicht selten Fäuste in Bewegung, aber es ist hier, wie eben im vorkriegerischen Europa, wieder möglich, sich sein Recht zu suchen und um sein Recht zu kämpfen. Die „Metaphysik" der menschlichen Beziehungen, wie sie in den Sowjetländern üblich war, ist von der Psychologie dieser Verhältnisse und Verkettungen abgelöst. Man braucht nicht mehr tagtäglich die Feuerprobe mit der Weltfatalität zu bestehen und man bewegt sich leichter, freier. Eine gewisse Elastizität durchdringt das Dasein, und man findet schon die Möglichkeit wieder, in der Richtung nach dem Dnjestr, nach Chiczinau zu gelangen. Zum erstenmal nach mühevollen Jahren sitzen wir im Eisenbahnabteil, wenn auch immer nur erst halb legal, bloß mit Emigrantenpapieren versehen. Bis nun verband sich in meinem Bewußtsein mit dem Namen Kischinew die Erinnerung an die Verbannung des großen russischen Dichter- Europäers Puschkin und an den Judenpogrom, welche traurige Erscheinungen mir durch meiner Mutter Erzählungen und durch den bessarabi- Seitdem ich diese Erinnerungen zu Papier brachte, . hat sich vieles gewandelt. Dfc völkisch-antisemitische Seuche, von den „Gebildeten" Mitteleuropas in Szene gesetzt, hat auch die naiven Herzen der akademischen Jugend Rumäniens vergiftet. Der Alarm zum Pogrom wurde geschlagen. Wie ich höre, sträuben sich die Regierungskreise Bukarests mit allen Mitteln der politischen Kunst gegen jene böswillige Anmaßungen der völkischreaktionären Internationale.