Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 165 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101193-3107828--5914-3107880- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Auszug Völker, die da hausen, ganz verdeckt. Da trauert schmerzlos der Moldauer, Zigeuner, Armenier, Grieche, Ukrainer, Rumäne und neben ihnen die schwarzen breitschultrigen Jüdlein mit gekräuseltem Haar, die sich als „Graeculi" gegenüber jenen blonden Israeliten herausnehmen und sicherlich einmal als Sklaven aus dem alten Rom hierher verschleppt wurden, — all diese erfüllen, aber sie beherrschen nicht das Land und sein goldig schimmerndes Licht. Auch Deutsche leben hier zerstreut neben Mühlen und Wäldern. Nur was mit den Kolonisten zusammenhängt, paßt gut in dies Bessarabien der letzten x Zfeit. Die Ochsen, die Kälber, die Weinstöcke, der Mais und auch die merkwürdigen Raben, die nicht nur oben kreisen, sondern selbst in die Jahrmärkte der Bessarabier ihre Schnäbel stecken, das Getier, die Kräuter und insonderheit die hell-goldigen Lüfte und Felder bedeuten hier mehr als die Menschen samt ihrem Staate. Die Erinnerung daran, daß Bessarabien von einem Staate verwaltet wird, der es sich ebensowenig wie irgend ein anderer Staat gefallen lassen kann, daß fremde Menschen ohne genügende Anrechte in seinem Lande sich herumtreiben, die wollte mir nicht so recht in den Sinn. Ich war voll von der stärkenden Luft und den einfach biblischen Bildern, die sich uns boten. Gleich unseren Vorfahren, die Kanaan eroberten und mit dem KönigAbimelech Krieg führten, sind die Bessarabier nicht sonderlich bewandert in den dialektischen Künsten der Halacha und Haggada. Mein eigener breitschultriger Hausherr, dem Aussehen nach ein Titane und doch einer von den Notabein des Städtchens, rühmte sich, bei vierzig Pferdchen eigenhändiger Geburtshelfer gewesen zu sein. Sein ernst-stummes Gesicht leuchtete jedesmal auf, wenn er die Worte im Munde führte: „Die Loschiklech, ach die Loschiklech!" Eine grenzenlose, behutsame Zartheit den Säuglingen des Pferdegeschlechts gegenüber sprach aus diesen Worten. Und als ich die Bessarabier nachher essen sah, wie sie den Mais zubereiteten, ganze Ochsen verschlangen und große Eimer voll stärkenden Weins zu sich nahmen, begriff ich erst manches aus der homerischen Zeit, das mir in meinen Lehrjahren so schlecht in den Sinn wollte. Wie homerische Helden sättigten sich diese Menschen — und die erste Frage, die sie dem Flüchtling vom anderen Ufer vorlegten, war die, ob man schon Wein getrunken und Nüsse gegessen habe. — „Wie geht es dem Wanderer A., ist er bereits den unliebsamen Umarmungen ^er „Sguranza" (rumänische Überwachungspolizei) entwichen und haben sich die amerikanischen Onkels seiner erinnert?*' — ,,0 ja, es geht ihm nicht übel, er versucht sich bereits an Wein und Nüssen." Es verging eine Woche, als durch das Städtchen plötzlich die Kunde ging, daß noch am gleichen Tage die Militärbehörde Sguriza besetzen wolle, um sich die Emigrantenschar aufs genaueste daraufhin anzusehen, ob sich nicht bolschewistische Elemente hineingeschlichen hätten, die überall hier die Mär vom paradiesischen Leben unter den Fittichen der Gerechtigkeit liebenden Sowjetmacht zu verbreiten halfen. Man mußte weiter. JJnser Ziel war Kischinew, die Krone Bessarabiens, die jetzt in